Eines der Instrumente aus seinem politischen Werkzeugkasten hat Wladimir Putin in den gut sieben Jahren seiner Amtszeit als russischer Präsident perfektioniert: die Überraschungsoffensive. Sie passt dem früheren KGB-Agenten gut, der Politik ansonsten im kleinen, verschworenen Kreis betreibt. Öffentlichkeit ist Putins Sache nicht. Das Volk dient als Empfänger vaterländischer Reden und beglückender Botschaften. Am Montag brachte der Parteitag der Kremlpartei „Einiges Russland“ letztere: Putin verkündete, dass er als Nummer eins auf der Parteiliste kandidiere und sich nach seinem von der Verfassung erzwungenen Abtritt als Präsident eine Zukunft als Premierminister vorstellen könne. Das ist also der Plan Putin, den sein persönliches Politbüro seit Langem ausheckte.

Vor Kurzem noch hatte der Präsident einer ausländischen Expertenrunde eröffnet, er werde abtreten, aber nicht sehr weit. Hierin hält er Wort. Putin gibt das Präsidentenamt, aber nicht die Macht ab. Das Amt des Premierministers könne er sich unter einem „würdigen und ehrenhaften“, sprich gehorsamen Staatsoberhaupt vorstellen. Dabei mag er an den gerade als Regierungschef eingesetzten Technokraten Wiktor Subkow gedacht haben. Auf die „gelenkte Demokratie“ folgt der gelenkte Präsident. Nach spätestens vier Jahren könnte Putin erneut für das Präsidentenamt kandidieren. Am 7. Oktober wird er gerade 55 Jahre alt. Putin forever.

Diese legale Trickservariante des asiatischen Herrschermodells (Selbsternennung bis auf Lebenszeit) soll den verschiedenen Machtgruppen im und um den Kreml ein Auskommen auch für die Zukunft sichern. Im boomenden Öl- und Gas-Reich Russland gibt es viele Finanzströme, die zu den eigenen Gunsten von Beamten und Sicherheitsdiensten kontrolliert werden. Der Machtwechsel im halbautoritären Russland Putins drohte, das innere Gleichgewicht des Mitverdienersystems durcheinanderzuwirbeln. Der populäre Putin soll die Besitzstände weiterhin garantieren.

Dank des Kreml-kontrollierten Fernsehens, in dem per Anruf Sendungen verboten und unliebsame Dumaabgeordnete zur Persona non grata erklärt werden, ist für die nötige Propaganda gesorgt. Das Ergebnis für „Einiges Russland“ dürfte in Richtung einer verfassungsändernden Mehrheit tendieren. Dann wäre der Weg frei für eine Umverteilung der Kompetenzen vom Präsidenten hin zum Premierminister. Putin würde das als wichtigen Schritt der Demokratisierung auf dem Weg zum parlamentarischen System verkaufen. Und alle sind ehrenhaft und glücklich.

Aber sogar der Plan Putin hält nicht alles unter Kontrolle. Vielleicht gewinnt der Strohmann-Präsident Freude an der Gestaltungskraft seines Amtes und schüttelt die Fesseln ab? Womöglich bricht doch ein Umverteilungskampf im Kreml aus? Putin könnte der eigene Erfolg zum Fluch werden.

Im März 2008 wäre er im Bewusstsein einer Mehrheit der Russen als glanzvoller Präsident der Stabilisierung des Landes und der Rückkehr zum Großmachtstatus abgetreten. Der Verbleib an der Staatsspitze aber bedeutet auch, was die Kremlherren oft vergessen: Verantwortung. Wenn Putin weiterhin die Gesellschaft einschnürt und die Wirtschaft nicht reformiert, könnte ihn die Elite in einer Krise dafür zur Rechenschaft ziehen - als einen Präsidenten, der zum Schaden des Landes seinen historischen Abtritt verpasst hat.