Später Montagabend im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt: Vor dem Gebäude der regionalen Wahlkommission in der Puschkin-Straße hat sich eine Menschentraube gebildet. Drinnen ist Licht, noch immer werden dort Listen sortiert. "Wir sind Anhänger von Viktor Janukowitsch’ Partei der Regionen", sagt ein junger Mann im hellen Anzug, zwischen den Sätzen hantiert er mit seinem Mobiltelefon. "Gerade werden die Stimmen des Bezirkes noch einmal gezählt. Wir glauben nicht, dass hier alles mit rechten Dingen zuging." Schon am Nachmittag hatten sich mit ihren blauen Flaggen etwa 5000 Anhänger der pro-russischen Partei der Regionen auf dem Maidan Nesalestnoschtschi, dem zentralen Platz der Hauptstadt, versammelt.

"Die Wahlen in der Ukraine entsprachen in allen wesentlichen Punkten den europäischen Standards", sagt dagegen der vorläufige Bericht der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), welche die Wahlen in der Ukraine mit mehr als 700 Wahlbeobachtern verfolgt hat. Insgesamt waren am Wahlsonntag mehr als 3000 internationale Beobachter im ganzen Land unterwegs – alle Organisationen, unter ihnen die Nato und der Rat des Europäischen Parlaments, haben lediglich von kleinen Unregelmäßigkeiten während der Wahl berichtet.

Dennoch haben sowohl der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko als auch sein Kontrahent aus der Zeit der Revolution in Orange, Viktor Janukowitsch, angeordnet, die Ergebnisse der Wahl zu überprüfen. Anhänger der Parteien von Juschtschenko und der Revolutionsheldin Julia Timoschenko werfen den Behörden im Osten der Ukraine – wo noch OSZE-Beobachter im Einsatz sind – vor, die Ergebnisse der Abstimmung nur schleppend an die zentrale Wahlkommission in Kiew zu übermitteln. Sie befürchten Wahlbetrug.

Angesichts dieser Vorwürfe ist fraglich, ob das endgültige Wahlergebnis noch in dieser Woche bekannt gegeben werden kann. Es droht erneut ein wochenlanges Ringen um die Macht. Am heutigen Dienstag liegt nach Angaben der zentralen Wahlkommission wieder Viktor Janukowitsch mit 34,2 Prozent der Stimmen an der Spitze. Noch immer aber sind nicht alle Wahlprotokolle ausgewertet.

Dennoch haben sowohl Viktor Janukowitsch als auch das prowestliche Bündnis von Julia Timoschenko und des Wahlblocks Unsere Ukraine um Präsident Juschtschenko bereits Ansprüche auf die Regierungsbildung erhoben.

Rechnet man die Stimmen der 15 kleinen Parteien, die es nicht über die Dreiprozent-Hürde geschafft haben, aus dem Wahlergebnis heraus, ergibt sich zwar eine hauchdünne Mehrheit von 50,83 Prozent für das orange Bündnis – aber auch diese Ziffer lässt noch keine Aussage über die Machtverhältnisse im künftigen Parlament zu. Die Mandate in der Werchowna Rada werden nach einer relativ komplizierten Formel proportional auf die Listenplätze der einzelnen Parteien verteilt. Es kommt jetzt vor allem darauf an, wie sich die kommunistische Partei und der Block des früheren Parlamentssprechers Volodymir Lytwyn verhalten werden. Sie haben jeweils 5,3 beziehungsweise 3,9 Prozent der Stimmen erhalten.