Die Streik-Show – Seite 1

"Die S-Bahn-Linien 1 und 2 fallen aus", tönt es durch die Lautsprecher im Hamburger Hauptbahnhof. "Wir bitten um ihr Verständnis." Eine Minute später fährt eine S-Bahn der Linie 1 in den Bahnhof ein. Die Gewerkschaft der Lokführer wollte doch den Regionalverkehr bestreiken. Was fällt also heute aus?

Die gelben Fahrpläne verraten es. Sie sehen aus, als habe jemand Lotto gespielt: Viele schwarze Kreuze bedeuten wenig fahrende Züge. Die erste Regionalbahn um 5.41 Uhr nach Rügen, ein Intercity nach Frankfurt, die Fahrt nach Rostock am Abend – alles gestrichen. Aber alle haben damit gerechnet.

Nur wenige Fahrgäste stehen auf den Bahnsteigen, als der Streik um acht Uhr morgens beginnt. An Gleis 10 warten Gerd und Monika Urbaniak. Die beiden Senioren vermissen ihren Kegelklub "Die Pudelmützen". Mit zehn Kegelfreunden wollten sie eine Wochenendreise nach Berlin machen. Doch von den anderen Pudelmützen fehlt jede Spur.

"Der Zug aus Harburg ist noch immer nicht da", sagt Urbaniak. Er findet es richtig, dass die Lokführer streiken. "Nur die Forderung der Gewerkschaft ist irreal." Plötzlich klingelt sein Handy. Eine andere "Pudelmütze" funkt den Lagebericht durch. Es sieht gut aus. Wenig später jubelt Monika Urbaniak und umarmt ihre Freunde: "Vier haben wir schon gefunden!"

Einige Meter weiter steht ein großer Pulk von Menschen. Darunter aber kaum Bahn-Kunden. Die meisten sind Journalisten. Drei Kamerateams belagern zwei Omas. Mikro am Mund, und schon geben die Damen Auskunft im Gabriele-Pauli-Takt. Einer Kamera nach der anderen.

Die Streik-Show – Seite 2

Sind die Antworten so originell, die Aufregung so groß? Zumindest die Empörung wird von Interview zu Interview stärker. Und gespielter. "Die Reise war ja auch verdammt teuer", sagt die eine ältere Frau und schiebt nach: "Das können Sie doch gut senden."

Reißaus vor den Kameras nehmen zunächst die Mitarbeiter der Deutschen Bahn. Trotzdem sind sie Teil der Streik-Show: Sie stehen an jedem Gleis, an jedem Eingang des Bahnhofs. Sie sind die Charme-Offensive der Bahn und tragen deshalb rote Westen. In Großbuchstaben steht darauf "Service".

Doch nicht immer ist der Name Programm. "Wer hilft mir jetzt?", will ein Mann wissen, als der Bahn-Mitarbeiter eine Pause einlegt. "Sie können doch nicht Pause machen, da steht doch Service auf ihrem Hemd." Der "Service"-Mann raunzt zurück: "Sehe ich aus, als ob ich ein Computer bin?" Er schickt den Kunden zum Informations-Schalter.

Auch dort sammeln sich keine Massen. Etwa ein Dutzend Fahrgäste warten in zwei Schlangen. Ganz hinten in der Reihe steht Dagmar Hauser. Die 28-Jährige möchte nach Karlsruhe, in ihre Heimat. Es ist ihr letzter Urlaubstag in Hamburg, und eigentlich wollte sie eine Hafenrundfahrt machen. "Die fällt jetzt ins Wasser", sagt sie und lacht. "Aber ich wurde ja vorgewarnt und habe mich darauf vorbereitet." Sie öffnet die weiße Plastiktüte in ihrer linken Hand. Der Inhalt: Ganz viele Brötchen.

Etwas weiter vorne wartet Fetanet Aksy. Der Berufsschüler muss sich beim Service-Point eine Bescheinigung abholen, für seinen Lehrer. "Sonst zählt das als unentschuldigte Fehlstunde", sagt der 17-Jährige. Das hat er schon vor Tagen, als der Streik angekündigt wurde, abgeklärt.

Die Streik-Show – Seite 3

Dann kommt wieder das Fernsehen. Ein Herr in der Warteschlange wird nicht persönlich, aber von einem schwarzen Mikrofon begrüßt. "Warum ist das jetzt blöd für Sie?" will die Reporterin wissen. Schnell schieben sich von der Seite zwei lächelnde Bahn-Mitarbeiterinnen ins Bild. "Dürfen wir Ihnen einen kostenlosen Snack oder ein Getränk anbieten?", fragen sie den Mann vor laufender Kamera. Der Dreh wird abgebrochen, der Orangensaft aber angenommen. "Am besten gehen Kaffee und Gummibärchen weg", verrät die Bahn-Mitarbeiterin. Sie hat mit ihrer Kollegin eine neue Aufgabe gefunden: Kamerateams verfolgen, stören und die Deutsche Bahn ins rechte Licht rücken.

Nicht im Rampenlicht steht dagegen Marlies. Sie sorgt hinter der Theke der Bierbar "Smalltalk" dafür, dass die wartenden Gäste ihren Frust herunterspülen können. "Aber geschimpft wird hier jeden Tag", sagt Marlies. "Das hat nichts mit dem Streik zu tun." Gäste habe sie genauso viele wie an jedem anderen Tag. Eine junge Frau trinkt gerade einen Prosecco zum Frühstück – um halb neun Uhr morgens. Sie findet die Aufregung um die Streiks überzogen. "Es verhungert doch keiner in Deutschland."

Drei Ladenlokale weiter sitzt Christian Klein hinter dem roten Tresen einer Autovermietung. Er ist mit dem Streik ganz zufrieden. "Viele Kunden mieten heute spontan ein Auto, anstatt auf die Züge zu warten." Dafür hat seine Filiale einen kleinen Notfallplan ausgearbeitet, und zehn Autos mehr als an normalen Tagen reserviert. Für 90 Euro können frustrierte Bahn-Reisende bei Herr Klein auf die Straße wechseln. Statt Speisewagen und Großraumabteil preist Avis lieber Autos in Golf-Größe mit kleinem Kofferraum.

Im Bahnhof tummeln sich zwar Service-Kräfte, Kamerateams und weitgehend verständnisvolle Reisende – von den Streik-Verursachern ist aber nichts zu sehen. Vor dem Eingang sei die Gewerkschaft aufmarschiert, sagt ein Bahn-Mitarbeiter. Tatsächlich: Dort harren knapp 20 Gewerkschafter in weißen Plastikumhängen und mit blauen Mützen aus. "Wir hoffen, dass es bald vorbei ist", sagt ein Mann. Die Kamerateams seien schon da gewesen. Das klingt wie ein Erfolg auf dem Weg zu mehr Gehalt. Denn schließlich kommt alles auf die Show an.