Dann kommt wieder das Fernsehen. Ein Herr in der Warteschlange wird nicht persönlich, aber von einem schwarzen Mikrofon begrüßt. "Warum ist das jetzt blöd für Sie?" will die Reporterin wissen. Schnell schieben sich von der Seite zwei lächelnde Bahn-Mitarbeiterinnen ins Bild. "Dürfen wir Ihnen einen kostenlosen Snack oder ein Getränk anbieten?", fragen sie den Mann vor laufender Kamera. Der Dreh wird abgebrochen, der Orangensaft aber angenommen. "Am besten gehen Kaffee und Gummibärchen weg", verrät die Bahn-Mitarbeiterin. Sie hat mit ihrer Kollegin eine neue Aufgabe gefunden: Kamerateams verfolgen, stören und die Deutsche Bahn ins rechte Licht rücken.

Nicht im Rampenlicht steht dagegen Marlies. Sie sorgt hinter der Theke der Bierbar "Smalltalk" dafür, dass die wartenden Gäste ihren Frust herunterspülen können. "Aber geschimpft wird hier jeden Tag", sagt Marlies. "Das hat nichts mit dem Streik zu tun." Gäste habe sie genauso viele wie an jedem anderen Tag. Eine junge Frau trinkt gerade einen Prosecco zum Frühstück – um halb neun Uhr morgens. Sie findet die Aufregung um die Streiks überzogen. "Es verhungert doch keiner in Deutschland."

Drei Ladenlokale weiter sitzt Christian Klein hinter dem roten Tresen einer Autovermietung. Er ist mit dem Streik ganz zufrieden. "Viele Kunden mieten heute spontan ein Auto, anstatt auf die Züge zu warten." Dafür hat seine Filiale einen kleinen Notfallplan ausgearbeitet, und zehn Autos mehr als an normalen Tagen reserviert. Für 90 Euro können frustrierte Bahn-Reisende bei Herr Klein auf die Straße wechseln. Statt Speisewagen und Großraumabteil preist Avis lieber Autos in Golf-Größe mit kleinem Kofferraum.

Im Bahnhof tummeln sich zwar Service-Kräfte, Kamerateams und weitgehend verständnisvolle Reisende – von den Streik-Verursachern ist aber nichts zu sehen. Vor dem Eingang sei die Gewerkschaft aufmarschiert, sagt ein Bahn-Mitarbeiter. Tatsächlich: Dort harren knapp 20 Gewerkschafter in weißen Plastikumhängen und mit blauen Mützen aus. "Wir hoffen, dass es bald vorbei ist", sagt ein Mann. Die Kamerateams seien schon da gewesen. Das klingt wie ein Erfolg auf dem Weg zu mehr Gehalt. Denn schließlich kommt alles auf die Show an.