Lieber Herr Mehdorn, lieber Herr Schell, wir haben es ja begriffen: Wer die Bahn an die Börse bringen will, braucht geordnete Verhältnisse. Da sind drei Gewerkschaften mit zwei Tarifverträgen eher hinderlich. Wer den Bestand seiner Gewerkschaft (und die Gewerkschaft der deutschen Lokomotivführer (GDL) ist immerhin die älteste in Deutschland) sichern will, hat jetzt die einmalige Chance, etwas für seine Mitglieder herauszuholen : Die Wirtschaft brummt, die Bahn macht ordentliche Gewinne, die öffentliche Stimmung stärkt jene Arbeitnehmer, die nach klammen Jahren am Aufschwung teilhaben wollen.

Da wäre es doch langsam an der Zeit, endlich das zu tun, was man in Deutschland schließlich immer tut: einen Kompromiss finden. Stattdessen wollen die Lokführer nun vier Tage am Stück streiken - den ganzen Tag. Verrückt! Der Bahn-Vorstand will dennoch nicht verhandeln , weil man doch schon so ein tolles Angebot vorgelegt hat. Absurd! Wenn Sie, verehrte Herren, dieses Spiel weitertreiben, werden wir uns noch wünschen, die deutsche Eisenbahn würde wieder der Staatsbetrieb von früher. Da kam der Zug zwar auch nicht pünktlich, aber er fuhr wenigstens überhaupt.

Ein Vorschlag zur Güte: Die Lokführer bekommen ihren eigenen Tarifvertrag und die Bahn einen Lohnabschluss von, sagen wir, sechs Prozent. Dann müssen Transnet und GDBA, die anderen beiden Bahngewerkschaften, nicht nachverhandeln (die sind übrigens an dem Chaos auch nicht unschuldig - schließlich hätten sie sich vor ihrem eigenen Tarifabschluss mit der GDL verständigen können). Bis zum kommenden Jahr hätten die Gewerkschaften danach Zeit, sich auf eine vernünftige Tarifgemeinschaft zu einigen. Die Bahn verhandelt dafür, wie es sich für einen Arbeitgeber gehört, statt ständig zum Gericht zu laufen und die Tarifautonomie zu untergraben . Und wir Kunden können uns endlich wieder einem unterhaltsameren Spektakel zuwenden. Der Rugbyweltmeisterschaft zum Beispiel. Da ist am Wochenende Halbfinale.