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In Großbritannien haben sich historische Prozesse stets früher vollzogen als auf dem europäischen Kontinent – ein Umstand, der schon Karl Marx ins Auge stach. Man kann England als eine Art Laboratorium der europäischen Geschichte betrachten. Dort fand die industrielle Revolution statt, Demokratie konnte sich in vielen Schritten gleichsam organisch über Jahrhunderte hinweg entfalten, zugleich entwickelten sich in diesem Land früher als anderswo Meinungs- und Pressefreiheit und auch der Eintritt ins postindustrielle Zeitalter begann hier nachhaltiger und schneller als im übrigen Europa.

Letzthin machte Großbritannien einen rasanten Wandel durch, dessen disparate Elemente man kurz nennen sollte, weil sie für das Thema Terror und Medien mittelbar von Bedeutung sind: Das Land hat sich in eine Massenmediendemokratie verwandelt, hektisch, kurzatmig, aufgeregt und hochemotional – der Begriff „Dianafizierung“ nach dem Tode der Prinzessin kennzeichnet diese Veränderung – und öffentlich dargebotene Gefühlsausbrüche signalisieren das Verschwinden von Verhaltensweisen, die man bis dahin mit England assoziierte: Takt, Selbstbeherrschung, die sprichwörtliche st iff upper lip.

Trotz historisch einzigartigen Massenwohlstands herrscht grummelnde Unzufriedenheit vor, begleitet von einer Haltung gegenüber der Politik, die sich durch Zynismus und Apathie kennzeichnet. Die Medien reflektieren und verstärken diese Tendenzen: Es hat sich eine bemerkenswerte Gemengelage herausgebildet, aus Massenwohlstand und gesellschaftlicher Verwahrlosung, aus technologischem Fortschritt und sozialer Entfesselung, aus rauschhaftem Konsum, auch dem von Drogen und Alkohol, und aus dem, was sich als "interne Demokratisierung" der westlichen Gesellschaften bezeichnen lässt und die den Menschen mehr Macht denn je zuvor einräumt.

So betrachtet sind die Medien zu Instrumenten der Macht des Volkes geworden. Sein Geschmack, seine Wünsche werden stärker als je zuvor reflektiert. Insbesondere im Fernsehen als dem prägenden Medium unserer Zeit lassen sich die weniger erfreulichen Seiten tagtäglich besichtigen. Die Stichworte Vulgarisierung, Exhibitionismus und Sexualisierung, der Kult der Celebrities und Big Brother mögen hier genügen. Wie andere europäische Länder auch hat sich Großbritannien in eine postheroische Gesellschaft verwandelt, wobei gewiss mehr der Elemente der „heroischen Gesellschaft“ erhalten geblieben sind als etwa in Deutschland.

Zugleich offenbaren sich auch in Großbritannien deutlicher als zuvor die Schattenseiten einer liberalen, demokratischen Gesellschaft; manche ihrer Merkmale werden als Symptome der Dekadenz gewertet und von Islamisten gerne als Argumente gegen den Westen verwendet - mit geschicktem Gespür für die Anfälligkeit der denkenden und schreibenden Klasse Großbritanniens: Im Sommer des Jahres 2006 bot der Historiker Timothy Garton Ash im linksliberalen Guardian folgende Erklärung für Entfremdung und Gewaltbereitschaft vieler Muslime: "Ein möglicher Grund ist, dass Großbritannien eine der libertärsten Gesellschaften Europas hat. Die jungen Leute in Städten, in denen die meisten Muslime leben, trinken mehr und vögeln mehr rum, es gibt weniger intakte Familien, es wird weniger gebetet. Die Aussagen vieler Muslime machen klar, dass sich ein Teil ihrer Reaktion gegen diesen säkularen, hedonistischen Lebensstil richtet." So weit Garton Ash.

Nun würden Islamisten mit ihrer Absicht, Massenmorde zu verüben und den islamistischen Staat zu errichten, genauso ungerührt fortfahren, sollten die Briten nicht so viel Alkohol konsumieren, kein promiskuitives Sexualleben führen, auf Drogen und Alkohol verzichten und sich stattdessen tagtäglich zum Gebet in den christlichen Kirchen des Landes versammeln.

Deshalb sollte man auf die andere Seite der Medaille verweisen: Liberale, freiheitliche Gesellschaften definieren sich nicht durch Big Macs, Bingedrinking („Komatrinken“) oder ordinäre Big-Brother-Shows im TV, sondern durch Magna Charta und Freiheitsrechte, durch Meinungsfreiheit und Toleranz.

Die indirekte Form des Verständnisses für den islamistischen Terror mit dem Verweis auf die Dekadenz der eigenen Gesellschaften fügt sich nahtlos an das Argument an, dass bereits kurze Zeit nach den Anschlägen auf New York und Washington auch durch britische Medien, die BBC und die liberale Presse, geisterte: America had it coming . Dieser Ausspruch von Susan Sonntag floss in Deutschland in den Satz ein: "So was kommt von so was."

Moralischer Relativismus, eine überkritische Haltung gegenüber der eigenen Gesellschaft, die oft in blindem Selbsthass mündet, führten in Großbritannien wie Europa dazu, die Gefahr der islamistischen Herausforderung dramatisch zu unterschätzen. Obwohl die Sicherheitsdienste nach den Anschlägen vom 11. 9. 2001 verschiedentlich warnten, dass ein Anschlag auch in Großbritannien unvermeidlich sei. Was ja dann auch eintrat.

Speziell für Großbritannien gilt, dass sich die staatlichen Instanzen des Landes lange Zeit durch einen bemerkenswerten Unwillen auszeichneten, die Gefahr, die sich seit den frühen neunziger Jahren in der eigenen Mitte zusammenbraute, ernst zu nehmen. Die Politik hat sich hier ebenso schuldig gemacht wie die Medien. Nicht von ungefähr erregten sich französische und amerikanische Sicherheitsexperten über die britische Politik. In jenen Jahren wurde der Begriff "Londinistan" verwendet, um einen Zustand zu kennzeichnen, in dem der britische Staat bewusst die Augen verschloss angesichts des Treibens extremistischer Islamisten-Gruppen. Es schien ein stillschweigendes, unausgesprochenes Übereinkommen zu existieren, ein Covenant of Security , nach dem Motto, solange ihr uns in Ruhe lasst, lassen wir euch gewähren.

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Dies aufzudecken und anzuprangern wäre eine lohnende Aufgabe für kritischen Journalismus gewesen. Doch die totalitären Feinde der Freiheit wurden weithin ignoriert. Die meisten Medien hielten einen Hassprediger wie Abu Hamza für eine Witzfigur, während er bereits in der zweiten Hälfte der Neunziger von der Moschee am Finsbury Park in London Terroranschläge plante und junge Muslime systematisch für den Dschihad schulte.

In Großbritannien war die Auffassung weit verbreitet, die Gefahr werde aufgebauscht. Oft verband sich dies mit der Behauptung, die Bedrohung durch den Terror sei selbst verschuldet und bei besserem Verhalten der westlichen Hegemonialmacht leicht zu entschärfen.

Das war ein Leitmotiv, das in den britischen Medien in vielen Variationen dargeboten wurde und selbst heute nicht ganz verschwunden ist. In liberalen und linken Zirkeln war häufig zu vernehmen, die Terrorismusgefahr werde instrumentalisiert, um innenpolitisch einen illiberalen Kurs verfolgen zu können.

Hier wird ein Grundproblem sichtbar: Der Staat muss reagieren, um Gefahren abzuwehren. Welche Richtung er auch einschlägt, Kosten werden immer entstehen. Eine faire Kosten-Nutzen-Analyse müsste das deutlich machen – das scheint die Medien-Zunft häufig zu übersehen.

Ein Musterbeispiel für die dominante Weltsicht der Medien lieferte die BBC mit The Power of Nightmares . Das elegante dreiteilige Fernsehessay von Adam Curtiz bringt eine griffige These unters Publikum: Einst warben Politiker um unsere Stimmen mit Visionen und Träumen vom besseren Leben. Heute würden sie zum Mittel der Furcht greifen. Bush und in seinem Gefolge Blair gelten Curtiz als besonders verwerfliche Beispiele. Die amerikanischen Neokonservativen stellt er als die Erfinder der Albträume vor. Sie hätten nach dem Ende des Kalten Krieges dringend nach einem neuen Feind gesucht. Der neue Feind heiße al-Qaida. In Wahrheit aber sei bin Ladens Organisation kaum mehr als ein nützliches Schauermärchen. Die Gefahr des islamistischen Terrorismus werde generell maßlos übertrieben und diene unter anderem dazu, eine fragwürdige Außenpolitik zu rechtfertigen.

Angesichts der blutigen Schleifspuren, die islamistischer Terrorismus seit zwei Jahrzehnten durch die Welt gezogen hatte, von Kenia, Paris, New York, Washington, Bali, Djerba, Istanbul, Casablanca bis Madrid, war es erstaunlich, auf welch fruchtbaren Boden diese Thesen fielen.

Nach den Anschlägen in London im Juli 2005 war man in der Führungsetage der BBC betreten und dann umso erleichterter, bereits wenige Wochen nach den Suizidattacken dem Publikum doch ernsthafte analytische Kost zum Thema islamistischer Terrorismus anbieten zu können, nämlich Peter Taylors Dreiteiler The New Al-Qaida . Die Dreharbeiten zu der Fernsehdokumentation waren zwar vor den Selbstmordattacken abgeschlossen. Der Autor konzentrierte sich auf die Aufarbeitung des Hintergrunds – auf Propaganda und Rekrutierungsmethoden des totalitären Islams und auf seine zahllosen gewaltbereiten Gefolgsleute unter jungen Muslimen in westlichen Ländern, er beleuchtete die Bedeutung des Internets im Kampf gegen die Welt der Ungläubigen. Al-Qaida benutzt das World Wide Web, um junge Muslime für terroristische Taten zu stimulieren und zu rekrutieren, aber auch um Terrorakte mit Hilfe verschlüsselter Nachrichten zu organisieren.

Spätestens da wurde klar, welch wichtige Rolle islamistische Snuff Videos (beispielsweise das Filmen von Enthauptungen) spielen. Der Webmaster des Terrors war ein Dr. Muhammad al-Massari, dessen Auslieferung Saudi-Arabien seit 15 Jahren von Großbritannien fordert. Er lebt in London, unterstützt vom britischen Sozialstaat, und sagte freundlich lächelnd vor laufender Kamera, je mehr Muslime diese Videos sähen, desto besser.

„Die neue al-Qaida“ zeichnete ein eindringliches Bild von der Gefahr, mit der westliche Gesellschaften auf lange Zeit hin werden leben müssen. Aber solche Dokumentarserien waren insgesamt betrachtet die Ausnahme, ihre Wirkung erwies sich als begrenzt. Ganz anders als Die Macht der Albträume . Die Serie hatte ein enormes, lang anhaltendes Echo. Sie erwies sich als Hit in den USA und wurde in Cannes gefeiert.

Auch heute noch ist The Power of Nightmares ein wertvolles mediales Artefakt; es kann als Musterbeispiel für die dominante Weltsicht westeuropäischer Medien und Kultureliten gelten in seiner Mischung aus wohlfeilem Antiamerikanismus, begleitet von der fortbestehenden Tendenz, die Schrecken des Kommunismus zu übergehen, kombiniert mit einer erstaunlichen Unfähigkeit, die Herausforderung des totalitären Islams für liberale, offene Gesellschaften zu begreifen.

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Peter Taylor verstand sein Werk auch ganz bewusst als direkte Widerlegung. Er habe lange vor den Selbstmordattacken auf London die Kernthese von Macht der Albträume für falsch gehalten. Während der Dreharbeiten bekam sein Team immer wieder die Wirkung der Serie zu spüren. Sandy Smith, die verantwortliche Redakteurin, berichtete, immer wieder sei sie von BBC-Kollegen spöttisch gefragt worden, ob sie denn an „einer Science-Fiction-Serie“ arbeiten würde. Al-Qaida gebe es doch gar nicht. Selbst in Pakistan seien sie dem begegnet: Präsident Musharraf habe Videos des Dreiteilers bestellt, weil die darin vertretene These es ihm erlaubte, die „Schuld für den Aufstieg der Taliban in Afghanistan“ vom eigenen Geheimdienst, der mit den Taliban kooperiert hatte, auf die amerikanischen Neocons abzuwälzen.

Wegen der Zweifel, die ihnen überall entgegenschlugen, verzichteten sie darauf, bestimmtes Material überhaupt zu verwenden. So das Interview mit einem gewissen Hassan Butt, Mitglied der Kalifatspartei Hizb-ut-Tahrir. Dieser hatte 2004 mit ruhiger Stimme erklärt, warum er Angriffe auf „unschuldige Zivilisten in Großbritannien“ gutheiße. All dieses Material wurde nicht verwendet, um dem Vorwurf zu entgehen, man übertreibe.

Selbst Jason Burke, Kenner der Dschihadisten-Szene und Autor eines Buches über al-Qaida, ließ sich von der Stimmung anstecken. Im Frühjahr 2005 schrieb er im Observer , es bestehe keine Gefahr von Terrorakten durch homegrowns , durch britische Muslime. Erwähnter Hassan Butt durfte noch im August 2004 eine Kolumne für den Guardian schreiben und darin islamistische Propaganda geschickt verhüllt unter die Leute bringen.

In der politischen Redaktion der BBC brach nach den Anschlägen des Juli 2005 eine heftige Debatte über den Film von Curtiz aus. Der Film hätte niemals als Programm der politischen Redaktion ausgestrahlt werden dürfen, sagten die einen. Andere fanden seine These trotz der Fakten nach wie vor attraktiv.

Die Medien spielen gerne die Rolle als Warner und Mahner. Gerade linke und liberale Medien verstehen es als ihre vornehmste Pflicht, Übergriffe des Staates anzuprangern und den Angriff auf Freiheitsrechte abzuwehren. Die britische Presse bildet hier keine Ausnahme, im Gegenteil, die Sensibilität für die Gefährdung bürgerlicher Freiheiten ist eher stärker entwickelt als auf dem europäischen Kontinent.

In Großbritannien sind sich linksliberales, konservatives und libertäres Milieu weitgehend einig darin, dass die Einführung eines Personalausweises und die Pflicht, sich an- und abzumelden bei einem Amt, einen gravierenden, autoritären Eingriff in die persönliche Sphäre darstellt. Die Regierung Blair scheiterte denn auch am medialen und parlamentarischen Widerstand mit ihrer Absicht, einen Personalausweis einzuführen. Auch misslang ihr Versuch, der Polizei das Recht zu gewähren, des Terrorismus Verdächtige bis zu 90 Tagen festhalten zu dürfen, wenn ein Gericht auch jede Woche den Fall aufs Neue prüfen und genehmigen hätte müssen.

Nun ist es im 21. Jahrhundert zweifellos schwieriger geworden, die richtige Balance zu finden zwischen Sicherheit und Freiheit. Man kann sich aber des Eindrucks nicht erwehren, dass die europäischen Medien diese Schwierigkeiten nicht genügend in Rechnung stellen.

Zumal Politiker damit rechnen müssen, gekreuzigt zu werden, wenn ein Terroranschlag erfolgt ist. Dann wird man sie des Versagens oder sträflich mangelhafter Vorsorge bezichtigen. Regierungen befinden sich in einer „no-win“ -Situation.

Die Medien tragen das ihre dazu bei, die schizophrene Situation zu verschärfen. Bevor die BBC die Macht der Albträume ausstrahlte, hatte sie einem internationalen Publikum drei Dokumentarfilme geboten, in denen die Folgen biologischer, chemischer und radioaktiver Terroranschläge auf London drastisch ausgemalt wurden. Allesamt mündeten sie in dem Vorwurf, die Regierung tue nicht genug, um solche Anschläge zu verhüten.

Die Verfassung der Vierten Macht vergrößert die Schwierigkeiten demokratischer Gesellschaften in der Auseinandersetzung mit dem neuen Terrorismus. Die Medien sind stärker als je zuvor geprägt von drei Trends, von Sensationalisierung, Simplifizierung und Emotionalisierung. Ihr Zeithorizont ist kurz bemessen. Kontext und historische Dimensionen werden notorisch vernachlässigt, Bilder verdrängen Nachdenklichkeit und Analyse.

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Fernsehbilder von Soldaten mit amputierten Gliedmaßen oder Fotos von misshandelten Gefangenen können rasch und nachhaltig die Bereitschaft der Wähler untergraben, eine militärische Mission fortzuführen. Angehörige von britischen Soldaten, die im Irak oder Afghanistan gefallen waren, wurden vor Kameras und Mikrofone geholt, um sie zu Kronzeugen gegen die Regierungspolitik zu machen und gleichsam in den Rang von Experten für Sicherheitspolitik zu erheben. Als ein britischer Soldat in Afghanistan ums Leben kam, der Muslim war, interviewte Channel 4 seinen Bruder. Dem Interviewer war die enttäuschte Überraschung anzumerken, als er die Antwort erhielt, sein Bruder sei "für die Freiheit und im Dienst für sein Land gestorben".

Es ist ein Charakteristikum atemloser Mediendemokratien, dass es für Entscheidungseliten schwer geworden ist, Projekte durchzusetzen, die im Interesse ihrer Völker liegen, zumal dann, wenn sich ihre Notwendigkeit erst langfristig erschließt oder teures, schmerzliches Engagement verlangt. „Technisch mögen demokratische Gesellschaften imstande sein, gegen kleine Gruppen entschlossener Terroristen präemptiv vorzugehen“, schreibt der Terrorismusexperte Walter Laqueur. Politisch und psychologisch sind sie es fast nie. Alle Regierungen des Westens, auch die britische, müssen in einem gesellschaftlichen Umfeld operieren, das sich durch kurze Aufmerksamkeitsspanne und das Verlangen nach „ instant gratification “, nach sofortiger Belohnung, auszeichnet.

Erschwerend wirkt sich auch die „Politisierung“ von Information aus. Zeitungen verwandeln sich in „viewspapers “, ein Ausdruck, den Alan Rushbridger, Chefredakteur des Guardian verwandte, um die Wandlung des Konkurrenzblattes Independent zu beschreiben (Wobei er unerwähnt ließ, dass sich dieser Vorwurf auch gegen sein eigenes Blatt erheben lässt).

Die Trennung von Nachrichten und Kommentaren verschwimmt immer mehr, Zeitungen verstehen sich nicht länger in erster Linie als Überbringer von Fakten, sondern betreiben Kampagnen und Kampfjournalismus. Information wird stärker denn je selektiert, auch bei der BBC , die in den neunziger Jahren die Trennung zwischen Nachrichten- und politischer Redaktion aufhob.

Es ist eine Binsenweisheit, dass Kriege und Konflikte auch über die Medien ausgetragen werden. Der Oberbefehlshaber der westlichen Streitkräfte in Bosnien, General Rupert Smith, nennt die Medien ein "Kollektives Medium", in dem man operieren müsse; sie seien wie das Wetter, alle müssten damit fertig werden. Zwischen Terror und Medien besteht in gewisser Weise sogar ein symbiotisches Verhältnis. Terroranschläge sind Sternstunden des Fernsehens: „ Bad news are good news.“ Durch Fernsehen und Internet werden Kriege und Konflikte in die Wohnungen der Welt getragen.

Alle schauen zu, politische Entscheidungsträger wie ihre Wähler. Erstere werden von dem, was sie sehen und wie es dargeboten wird, genauso beeinflusst wie von den Stimmungen, die ihnen aus dem Volk übermittelt werden. Das Publikum im Fernsehsessel, teilweise uninformiert und parteiisch, nimmt oft nur wahr, worauf sich die Kamera richtet: Fast immer sind es Orte und Szenen, die Aktion, Lärm und Emotion bieten. Es bedarf kaum der Erwähnung, dass offene Gesellschaften mit freien Medien in dem Propagandakrieg mit Terroristen die schlechteren Karten besitzen. Totalitäre Gesellschaften dulden keine freie Medien, totalitäre Ideologien aber können freie Medien nutzen.

Die Gesetze, nach denen die Medienindustrie funktioniert, verlangen es, bis zu einem gewissen Grad das Spiel der Terroristen mitzuspielen. Doch müssen sich die Medien fragen, ob sie sich nicht allzu häufig gedankenlos von bin Laden und al-Zawahiri manipulieren lassen, während sie doch auf jeden vermuteten Spin ihrer eigenen Regierungen mit heller Empörung reagieren.

Die Situation in Großbritannien hat sich in den vergangenen Monaten verändert. Dazu haben verschiedene Entwicklungen beigetragen. Die Häufung versuchter und vereitelter Anschläge machte es schwerer, die Augen vor der Realität zu verschließen. In Teilen der linken und liberalen Medien griff ein neuer Realismus um sich.

Das linke Wochenmagazin New Statesman enthüllte, dass der angeblich moderate britische Muslimrat, den die Regierung jahrelang als Gesprächspartner bevorzugte, intern alles andere als moderat war. Er pflegt enge Kontakte zu Fundamentalisten, die Homosexuelle verteufeln, die Unterdrückung der Frauen fordern, Ungläubige verdammen und Selbstmordattentate rechtfertigen; ihre Botschaften werden in Schrift und Ton an britischen Moscheen verbreitet.

Das BBC-Flaggschiff Newsnight bot Beiträge und Reportagen ohne die lange üblichen Scheuklappen politischer Korrektheit; die Times präsentierte eine lange Untersuchung, die ein niederschmetterndes Bild erbrachte – die fundamentalistische Deobandi-Sekte, auf dem indischen Subkontinent gegründet, kontrolliert die Mehrheit der britischen Moscheen und 80 Prozent der in Großbritannien ausgebildeten Imane gehen durch ihre Seminare.

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Prominente Liberale bezogen klar Position. Will Hutton schrieb, über die Grundwerte demokratischer Gesellschaften dürfe man sich auf keine Kompromisse einlassen. Henry Porter, ein liberaler Vorkämpfer gegen jegliche illiberale Reflexe des Staates, konstatierte, „unsere Gesellschaft ist tolerant. Aber wir sollten uns nicht entschuldigen, wenn wir die Islamisten, die Nachfahren von Hitler und Stalin, bekämpfen“, sie wollen uns zerstören.

Ein weiteres neues Element im öffentlichen Diskurs sind die Texte ehemaliger Islamisten. Sie enthüllten islamistische Durchsetzungsstrategien. Hassan Butt, vormals Mitglied der Kalifatspartei Hizb-ut-Tahrir, beschrieb im Observer , wie sie "jubiliert" hätten, wann immer in den Medien vom Irakkrieg und "Blairs Bomben" als Ursache des Terrors die Rede war. "Nicht nur nahm es uns die Propagandaarbeit ab; zugleich wurde die Auseinandersetzung mit der wahren Ursache islamistischer Gewalt verhindert - der islamistischen Theologie."

Ed Hussein beschreibt in dem Buch The Islamist den typischen Weg der Radikalisierung. Schlüsselerlebnis für die früheren Dschihadisten war der Konflikt in Bosnien. Die Untätigkeit des Westens angesichts der Massaker an europäischen Muslimen machte es den Ideologen des politischen Islams leichter, junge Muslime zu radikalisieren.

Die Berichte der Ex-Islamisten verdeutlichen den Zusammenhang zwischen "terroristischem Dschihad" und "slow Dschihad", das langsame Vordringen in den Gesellschaften des Westens. Dazu gehört auch das geschickte Ausnutzen verhuschter Universitätsverwaltungen und lokaler Behörden, die der multikulturellen Ideologie folgten.

Dennoch begegnen die Medien dem Islamismus immer noch mit Kurzsichtigkeit und schlichter Unkenntnis, aber auch der Weigerung, genau hinzuschauen, und dem verständlichen Wunsch nach einem ruhigen Leben.

Die ZEIT fragte vor einigen Wochen auf der Titelseite: "Waren wir alle naiv gegenüber der islamistischen Gefahr?" Für Großbritannien wie für Deutschland muss diese Frage immer noch mit Ja beantwortet werden.