Mitten in Europa und doch ein wenig für sich liegt die Stadt Bozen in Südtirol. Manch ein Besucher glaubt, die Zeit sei hier stehen geblieben, dabei ist es nur die Öffnungszeit. Die Läden öffnen morgens, schließen über Mittag, öffnen am Nachmittag aufs Neue und sind abends um sieben zu. Ähnlich streng war's früher auch in Deutschland; lang, lang ist's her.

Nun gibt es in der Stadt Bozen immer schon ein besonderes Amt: den Stadtrat fürs Zeitwesen; er wacht über die kommunalen Rhythmen. Aktuell sitzt eine Frau auf dem Posten, Chiara Pasquali, und sie macht so manches anders als ihre Vorgänger. Sie macht sich Gedanken.

Sind die Öffnungszeiten noch zeitgemäß? Das wäre eine Frage, die sie stellt, und um sie allen ins Bewusstsein zu rücken, hat sie das Kulturprojekt Time_Code angezettelt, das am 29. September 2007 gestartet ist und über fünf Wochen hinweg läuft. Fünf Wochen, da jedem der fünf Stadtteile Bozens eine Woche gewidmet ist. Es gibt Theater, Film, Literatur und Musik. Und immer geht es um Fragen der Zeit.

Den musikalischen Teil hat Peter Paul Kainrath kuratiert, ein gebürtiger Südtiroler, Pianist und Festivalmanager. Er hatte die Idee, eine ganz und gar unbewegliche Veranstaltung nach Bozen zu holen und überdies ins weltweite Netz zu stellen: Vom Sonnabend, dem 4. Oktober 2007, bis zum Freitag darauf wird übers Internet ein Videostream aus Halberstadt in Sachsen-Anhalt in den Bozener Stadtteil Haslach-Oberau übertragen. Dort, im ehemaligen Kino Costellazione, kann man dann auf einem riesigen Schirm und aus guten Lautsprechern das längste Musikstück der Welt miterleben, oder – um genau zu sein – einen klitzekleinen Ausschnitt davon.

Denn die Aufführung des Orgelwerkes Organ2/ASLSP in der St.-Burchardi-Kirche läuft bereits seit sechs Jahren und wird noch gut sechs Jahrhunderte andauern – wenn nichts dazwischenkommt. Bislang haben Musikfreunde aus aller Welt in das kleine Halberstadt reisen müssen, um in den Genuss des stark verlangsamten Klanggeschehens zu kommen. Nun können Interessenten erstmals aus der Ferne zuschauen und zuhören, in Echtzeit .

Professor Kainrath war vor vier Jahren durch eine fervente Reportage in der Nordtiroler Zeitschrift Quart auf die Halberstädter Aufführung aufmerksam geworden. Sie setzte Reporter zu einem polizeibekannten Raser ins Auto und ließ sie nach Sachsen-Anhalt brettern. Mit höchstem Tempo zum langsamsten Konzert – das war schon ein Lesevergnügen.

Kainrath reiste im Juni 2007 nun selbst nach Halberstadt und geriet sofort in den Bann des Orgelwerkes. "Man kann den Akkord eine halbe Minute lang hören oder höchstens zwei, drei Minuten, dann geht alles auf eine philosophische Ebene über", sagt er. "Das hat mich sehr beeindruckt, dieses Vertrauen in die Zukunft." Da engagierten sich Menschen für eine Musik, deren letzten Akkord sie nicht mehr erleben werden.