Wo ist Grünberg? – Seite 1

"Der Herr Grünberg ist nicht da", sagt die Nachbarin. Schon ganz früh sei er heute aus dem Haus. Kein Wunder, denn der Physiker sitzt ein paar Kilometer entfernt in seinem Büro im Forschungszentrum Jülich und wartet auf einen wichtigen Anruf. Der Physiker gilt als heißer Kandidat für den diesjährigen Nobelpreis . Ein ganz netter sei er, der Herr Grünberg, sagt die Nachbarin, eine resolute Mittfünfzigerin. Auf der ganzen Straße wohnten ja sonst auch nur Physiker, erklärt sie. Das passt, immerhin befinden wir uns auf der Einsteinstraße in Jülich.

Mit dem Auto sind es bis zum Forschungszentrum nur fünf Minuten. Richtig konzentriert ist Thomas Lippert nicht. Eigentlich wollte der Wissenschaftler etwas über den neuen Supercomputer erzählen, der in Jülich bald seinen Betrieb aufnehmen und das Forschungszentrum noch näher an die Spitze des europäischen Supercomputing bringen wird. Doch Lippert telefoniert. Er will es jetzt endlich wissen. "Ich habe da so meine Quellen", sagt er und grinst. Wird Grünberg Nobelpreisträger? "Wir warten seit zehn Jahren darauf."

Kurz nach halb zwölf kommt er dann, der entscheidende Anruf. Den Pressesprecher reißt es aus dem Sitz. "Es ist passiert", ruft er und rennt raus.

Fünf Minuten später. Die Mitarbeiter der Pressestelle laufen hektisch durcheinander. Wo ist Grünberg? Zu Hause ist er nicht, sagt eine. „Jetzt lass uns doch mal kurz konzentrieren, und überlegen, was wir an die Medien rausgeben“, ruft eine andere dazwischen. Dann rasseln auch schon die ersten Interview-Anfragen rein. WDR, RTL, Sat1. Alle werden vertröstet. Erneute Aufregung: Der Bundespräsident will gratulieren. "Jetzt haben wir uns vier Jahre darauf vorbereitet. Und wenn es passiert, ist doch alles Chaos."

Von Peter Grünberg, dem ersten Nobelpreisträger für das Forschungszentrum, ja sogar für die Helmholtz-Gemeinschaft, fehlt jede Spur. Vor dem Institut für Festkörperforschung, wo Grünberg Ende der achtziger Jahre den Riesenmagnetowiderstand, kurz GMR-Effekt entdeckte, haben erste Sicherheitsleute Position bezogen. Um 14 Uhr ist Pressekonferenz. "Vorher kommt hier keiner rein", erklärt ein Beamter im breitesten Kölsch und schiebt sich entschieden die Krawatte zurecht. Peter Grünbergs Sekretärin kommt raus, sie ist aufgeregt, raucht eine Zigarette.

Vielleicht ist Grünberg ja noch mal nach Hause gefahren, sich ein bisschen frisch machen? Die Einsteinstraße ist schließlich nicht weit. Doch in der schmucken Doppelhaushälfte ist nach wie vor niemand. Nur ein dicker Kürbis wacht am Eingang. Drinnen klingelt das Telefon. Wahrscheinlich Freunde, die gratulieren wollen. Grünbergs Nachbarin findet es klasse, dass das mit dem Nobelpreis endlich geklappt hat. "Als er den Deutschen Zukunftspreis gewonnen hat, da haben wir ihm einen Lorbeerkranz geschenkt. Was machen wir bloß jetzt?"

Um den großen See im Forschungszentrum Jülich schlendern die ersten Wissenschaftler Richtung Kantine. Ob sie die gute Nachricht schon gehört haben? "Das wurde ja auch Zeit", sagt einer. "Immer hieß es, Jülich sei ein Gemischtwaren-Laden, der nichts hervorgebracht hat. Das Gerede hat sich dann wohl endlich erledigt!" Stolz sind alle, die hier heute herumlaufen.

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Kurz vor zwei. In Peter Grünbergs früher Wirkungsstätte - er ist seit 2004 emeritiert - haben sich Fernsehteams aufgebaut, es wimmelt von Menschen, die wichtig blicken und es alle furchtbar eilig haben. Die Mitarbeiter stehen etwas eingeschüchtert in den Türen ihrer Büros, arbeiten kann heute keine mehr.

Dann endlich kommt er den Flur herunter, ganz gemächlich, als hätte niemand nach ihm gesucht. Ein feierlicher Moment: Alle stehen still, applaudieren und lassen Grünberg fast ein wenig ehrfürchtig passieren. Der wechselt ein paar Worte mit Achim Bachem, dem neuen Leiter des Forschungszentrums, dann stellt er sich den Fragen der Journalisten. Der Zettel mit Notizen, den er in der Hand hält, zittert leicht. Grünberg hat Parkinson. Meist merkt man es ihm nicht an. Er dankt allen seinen Mitarbeitern und auch den Journalisten, dass sie gekommen sind.

Geduldig beantwortet er alle Fragen. Wo er den Anruf erhalten hat? In seinem Büro natürlich. Und: Ja, er freut sich über den Preis, er sei ja auch mit ein wenig Geld verbunden. Gelächter. Was er damit machen wird? Er erzählt von seinen drei Kindern, einem Wintergarten. "Außerdem ist es schön, wenn ich nicht für jede Forschungsreise einen Antrag schreiben muss. Ich kann einfach auf die Konferenzen fahren."

Später, der erste Rummel ist vorbei. Grünberg ist sichtlich gerührt von dem ganzen Applaus, den vielen Gratulationen. Er küsst sogar die Autorin dieser Zeilen auf die Wange, als sie ihm ein paar Fragen ins Ohr flüstern will. Und er verrät ihr, dass seine Entdeckung in den achtziger Jahren tatsächlich erst mal niemanden interessierte. Dass einige Journals den Beitrag sogar abgelehnt haben.

Doch die Industrie interessierte sich sehr für den Effekt und dann ging alles ganz schnell. Dank Grünbergs Grundlagenforschung - er entdeckte, wie man den quantenmechanischen Spin der Elektronen für die Mikro- und Nanoelektronik nutzbar machen kann - gelang es, leistungsfähige Lese-Schreib-Köpfe für Festplatten zu entwickeln. Der GMR-Effekt brachte den Durchbruch zu Gigabyte-Festplatten, die heutzutage in jedem PC im Einsatz sind. Dem Forschungszentrum Jülich als Patentinhaberin brachte Grünbergs Riesenmagnetowiderstands-Effekt Einnahmen in zweistelliger Millionenhöhe.

Heute arbeitet Grünberg längst an einer neuen Entwicklung, trotz Pensionierung. Mehr will er aber nicht verraten, denn noch ist nichts patentiert. Und dann muss er auch weiter, die Ministerin ist am Telefon.

Am späten Nachmittag versammeln sich die Mitarbeiter des Forschungszentrums vor dem großen Hörsaal. Der Hof ist schwarz vor Menschen. Als Grünberg kommt, brandet der Applaus auf. Minutenlang. "Wie schön für ihn und wie schön für uns", sagt einer der Anwesenden. Eine neue Zeit für Jülich hat begonnen.