Im Jahr 1987 war ich Korrespondent einer Nachrichtenagentur in Hamburg, zuständig für Norddeutschland. Mit Schleswig-Holstein hatte ich wenig zu tun: Ein flaches, unspektakuläres Land, seit Ewigkeiten von der CDU regiert, mit einer linken SPD als Dauer-Opposition, wirtschaftlich strukturschwach, interessant eigentlich nur für Touristen. Das gab keine Geschichten her.

Doch dann stürzte der Ministerpräsident während des Landtagswahlkampfs mit einem kleinen Flugzeug ab. Er überlebte als einziger, schwer verletzt.

Ich fuhr zu seinem ersten Wahlkampfauftritt nach seinem zehnwöchigen Krankenhausaufenthalt. In einer nüchternen Mehrzweckhalle in Neumünster erlebte ich zum ersten Mal jenen Uwe Barschel. Auf einen Krückstock gestützt ging er auf die Bühne. Fast regungslos nahm er den Jubel seiner Anhänger entgegen, winkte hölzern mit dem Stock dem Publikum zu. "Ich bin wieder da", verkündete er und dankte Gott, mit dessen Hilfe er den Kampf um seine Genesung überstanden habe. Und dann, bevor er seine Wahlkampfrede herunterspulte, gebrauchte er ein merkwürdiges Wort: die "Vorsehung". Die habe ihn bestimmt, das Unglück zu überleben.

Wofür aber hatte ihn die Vorsehung auserwählt? Um weiter zu regieren? Um das Land vor den bösen Sozis zu bewahren? Und warum hatte sie gerade ihn auserkoren? Weil er etwas Besonderes war, sich jedenfalls dafür hielt? Irritiert fuhr ich nach Hamburg zurück.

Drei Wochen später, eine Woche vor der Wahl, erschien der Spiegel mit einer ersten, vagen Geschichte über das, was wenig später als "Waterkantgate" über Deutschland hinaus Wellen schlug: Angebliche Machenschaften der Kieler Staatskanzlei gegen den SPD-Spitzenkandidaten Björn Engholm. Ungläubiges Staunen, doch die Fakten waren noch sehr dünn, es gab nur vorsichtige Andeutungen und Hinweise, offenbar aus der SPD selbst. Immerhin versprach es ein spannender Wahlkampfendspurt zu werden.

Am Samstag darauf, einen Tag vor der Wahl, platzte dann die Bombe. Vorab wurde bekannt, dass der Spiegel am Montag eine Titelgeschichte über die "schmutzigen Tricks" Uwe Barschels bringen würde. Kronzeuge: ein gewisser Reiner Pfeiffer, der selber die Schmutzarbeit erledigt habe, im Auftrag des Ministerpräsidenten.

Irgendwelche Bestätigungen waren nicht zu bekommen, die Republik und wir Journalisten rätselten, was hinter dieser Geschichte steckte und ob sie sich halten lassen würde. Perfide persönliche Angriffe unter der Gürtellinie gegen einen politischen Rivalen, ein nie dagewesener Skandal in der Bundesrepublik - voller Spannung warteten wir auf den Wahlausgang, der ganz im Zeichen dieser sich anbahnenden Affäre stand und der ein ebenfalls ungeahntes Ergebnis brachte: ein Patt im Landtag, die Mehrheit der CDU war gebrochen.