Es bleibt bei der alten Booker-Preis-Regel: Die Favoriten auf die wichtigste Auszeichnung für englischsprachige Literatur haben keine Chance. Weder Starautor Ian McEwan ( Am Strand ), der den Preis bereits 1996 (für den Roman Amsterdam ) gewann und den die Buchmacher als Spitzenreiter handelten, noch der als Geheimtipp geltende neuseeländische Schriftsteller Lloyd Jones ( Mister Pip ) machten Dienstagnacht das Rennen, sondern die irische Außenseiterin Anne Enright mit ihrer eher trostlosen, rückblickend erzählten Familiensaga The Gathering ( Die Versammlung ).

Als "starkes, unangenehmes, und streckenweise zorniges Buch" lobte der Jury-Vorsitzende Sir Howard Davis, Direktor der London School of Economics, das Werk, als "ungeschminkten Blick auf eine trauernde Familie, geschrieben in harter und ausdrucksstarker Sprache". Wie fast immer war die Entscheidung eng, fiel aber nach der Erprobung von drei unterschiedlichen Abstimmungsvarianten stets auf Enright. Die Dubliner Autorin zeigte sich sympathisch überrascht und dankte Familie, Verlag und Freunden, die stets daran geglaubt hätten, "dass mein Schiff noch in den Hafen kommt". Die 45-Jährige ist nach Iris Murdoch (Preisträgerin 1978) die zweite Irin, die den Booker gewinnt, neben ihren Landsleuten Roddy Doyle (1993) und John Banville, der den Preis 2005 erhielt, sodass von den letzten drei Bookern zwei auf die irische Insel gingen.

In ihrer Dankesansprache erlaubte sich Enright zur Verwirrung der illustren Dinner-Gäste-Schar in der Londoner Guildhall einen kleinen Ausflug ins Gälische (die Worte waren, wie sie später erklärte, die Standardformel, mit der irische Sportler einen Pokal abholen: "Ich freue mich, diesen Preis im Namen des irischen Teams zu gewinnen.") und nahm den neuen Berühmtheitsschub mit humoriger Gelassenheit. Was sie mit ihrem Preisgeld von umgerechnet 75.000 Euro anfangen werde, wisse sie noch nicht, sagte sie: "Ich habe mir gestern dieses Kleid gekauft und freue mich, es mir heute leisten zu können." Das Gefühl, den Booker zu gewinnen, sei schwer zu beschreiben: "Jeder Autor ist ein Megalomane, denn jeder Schreiber ist ein Schöpfer einer Welt. In gewisser Weise ist heute der Wahnsinn wahr geworden."

Enright studierte in Dublin Philosophie, dann kreatives Schreiben am berühmten Seminar der University of East Anglia in Norwich (das unter anderem McEwan und Kazuo Ishiguro hervorbrachte) und arbeitete danach als Produzentin und Regisseurin beim irischen Rundfunk RTE. The Gathering ist ihr sechstes Buch nach der Kurzgeschichtensammlung Die tragbare Jungfrau , den Romanen So fern Engel sehen , What Are You Like? und Elisas Gelüste und ihren autobiografischen, eher heiteren Erlebnissen als werdende Mutter, Ein Geschenk des Himmels. Erlebnisse einer Mutter , das 2004 erschien.

Das nun ausgezeichnete Buch wird von der Figur Veronica erzählt, die sich auf das Begräbnis von Liam vorbereitet, einem ihrer vielen übermächtigen Verwandten. Ihr Blick zurück durch die Generationen legt die beklemmende Geschichte einer gestörten Großfamilie bloß, und ist nichts für diejenigen, die nach heiterer Unterhaltung suchen. In den Worten der Autorin ist das Buch "das intellektuelle Gegenstück zu einem großen Hollywood-Heuler".

Es gäbe keinen "kulturellen Imperativ" für traurige oder deprimierende irische Romane, sagte Enright. Das Thema Großfamilie, das in Irland zuletzt stärker im Memoirenform denn Belletristik behandelt worden sei, habe sie gereizt. "Familie" hänge etwas Unentfliehbares an. "Alle Familien sind gleich, ich habe sie in dem Roman nur mal drei genommen", sagte Enright, "überall gibt es den Trunkenbold, und jemanden, der kolossal erfolgreich ist." Die irische Familie sei bis Anfang der 1980er Jahre ein besonderer Fall gewesen. Parallelen gebe es höchsten zu anderen "fundamentalistischen" Gesellschaften, wo Frauen "im Grunde hilflos sind, nachdem sie Sex hatten". Ein neuer Trend für die irische Literatur ergebe sich daraus nicht, schon gar nicht unter dem "großen Schatten von James Joyce", der, fügte sie augenzwinkernd hinzu, ihrer neuesten Theorie zufolge ein Frau war – "höchste Zeit, dass er geoutet wird".