Der diesjährige Nobelpreis für Literatur geht an die englische Autorin Doris Lessing. Das teilte die Schwedische Akademie am Donnerstagmittag in Stockholm mit. Die Schriftstellerin ist 87 Jahre alt.

Lessings Werk Das goldene Notizbuch (1962) gilt als Klassiker feministischer Literatur. In ihrem gerade erschienenen neuen Roman Die Kluft beschreibt sie eine mythische friedliche Welt voller Frauen - in die erst mit den Männern auch Probleme einziehen.

In der Begründung des Nobel-Komitees hieß es, Lessing sei "die Epikerin weiblicher Erfahrung, die sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen hat". Der Chef der Akademie, Horace Engdahl, sagte über die überraschende Vergabe: "Dies ist eine der wohldurchdachtesten Entscheidungen, die wir jemals getroffen haben."

Lessing wurde 1919 als Doris May Taylor in Kermanshah in Iran geboren. Ihr Vater, ein kriegsversehrter britischer Offizier, zog später mit der Familie ins damals britische Südrhodesien (in das heutige Simbabwe). Afrika prägte sie und ihr Werk entscheidend. Wegen ihrer Kritik an der Rassentrennung durfte sie jahrzehntelang nicht nach Rhodesien und Südafrika reisen.

Ihren ersten literarischen Erfolg erzielte Lessing 1949, als sie nach England übersiedelte - im Gepäck den Roman Afrikanische Tragödie über eine verbotene schwarz-weiße Liebe. In Afrika ließ sie zwei Kinder aus ihrer Beziehung zu einem Kolonialoffizier zurück.

Später heiratete sie den deutschen Exil-Kommunisten Gottfried Lessing, von dem sie einen Sohn hat, der nach der Trennung auch bei ihr blieb. Durch diese Ehe wurde sie auch zur Tante des Linken-Politikers Gregor Gysi, dessen Mutter die Schwester von Gottfried Lessing war. Doris Lessing selbst war bis zum sowjetischen Einmarsch in Ungarn Mitglied der britischen Kommunisten. Heute hat sie für politische Bewegungen nichts mehr übrig. Die Verantwortung des einzelnen für sich selbst im Konflikt mit der Gesellschaft ist daher auch Thema des Romanzyklus' Martha Quest .