Schon im Vorfeld war klar, dass Rice während ihrer Moskau-Reise in diesem Streitthema auf wenig Verständnis hoffen durfte. Alles deutete darauf hin, dass der Kreml bei seinem "Njet" zu den US-Plänen für eine Raketenabwehr in Mitteleuropa bleibt.

Gemeinsam mit US-Verteidigungsminister Robert Gates hat sich Rice auf eine scheinbar aussichtslose Mission begeben: US-Präsident George W. Bush drängt mit aller Macht auf den Bau eines Frühwarnsystems in Europa, das gegen eine mögliche Raketenbedrohung aus Iran gerichtet sein soll. Russland hingegen sieht die für Polen und Tschechien vorgesehene Militärtechnik gegen sich gerichtet. "Die Positionen beider Länder sind unvereinbar", sagte der Moskauer Militärexperte Pawel Felgenhauer im Vorfeld.

Und so unversöhnlich klingt nun auch die Botschaft, mit der Wladimir Putin Rice empfing. Beim Treffen mit Rice und Gates in Nowo-Oragewo bei Moskau warnte Russlands Präsident die USA davor, ihre Raketenabwehrpläne gewaltsam voranzutreiben, solange die Gespräche mit Russland darüber noch laufen. Außerdem drohte er mit dem Ausstieg aus einem zentralen Abrüstungsvertrag.

Bei der Drohung von Putin handelt es sich um den sogenannten INF-Vertrag (Intermediate Range Nuclear Forces), der 1987 vom damaligen Sowjet-Führer Michail Gorbatschow und US-Präsident Ronald Reagan unterzeichnet wurde. Er verpflichtet die USA und Russland zur Abrüstung von atomaren Mittelstreckenraketen mit einer Reichweite zwischen 500 und 5500 Kilometern. Putin sagte, für Russland sei es problematisch, dem Vertrag weiter anzugehören, wenn dieser sich nicht auch auf andere Länder beziehe. Die Bestimmungen seien unzeitgemäß, weil mittlerweile auch andere Staaten über derartige Waffensysteme verfügten. Das Abkommen müsse zu einem "wirklich allumfassenden Vertrag" ausgeweitet werden.

Zu den US-Raketenabwehrplänen sagte Putin, Moskau zähle darauf, dass die USA "ihre vorherigen Vereinbarungen mit osteuropäischen Ländern während unserer vielschichtigen Verhandlungen nicht forcieren". Das Vorhaben wird von Moskau als Bedrohung seiner Sicherheit betrachtet. Russland hat dagegen die gemeinsame Nutzung einer Radarstation in Aserbaidschan an der Grenze zu Iran vorgeschlagen. Der Kremlchef hatte dies auf dem G8-Gipfel im Juni in Heiligendamm angeboten. Voraussetzung dafür sei aber, dass Washington auf seine Militärpläne für Mitteleuropa verzichte. Sollten die USA dieses Angebot ablehnen, werde Russland seine Raketen auf "neue Ziele in Europa" ausrichten, drohte Putin damals.

Aus Moskauer Sicht haben die USA bislang keine eindeutige Antwort auf das russische Angebot gegeben. Der Abteilungsleiter für europäische und eurasische Fragen im US-Außenministerium, Dan Fried, bekräftigte dagegen vor wenigen Tagen in Washington noch einmal den US-Standpunkt. Die von Moskau angebotene Nutzung von zwei Radaranlagen sei hilfreich, aber kein Ersatz für die geplante Stationierung der Raketenabwehr-Komponenten in Tschechien und Polen. Offensichtlich auch mit Blick auf das Tauziehen um eine Kosovo-Lösung sagte Fried, dass die Raketenabwehr für die USA kein "Tauschobjekt" im Gegenzug für ein russisches Entgegenkommen auf anderen Gebieten sei. Ein solcher Handel habe sich noch nie ausgezahlt, sagte Fried.