"Ich war mir immer sicher, dass ich das Buch eines Tages beenden würde", sagt die Telefonstimme. Eine nasal klingende Stimme, die Pausen zu fürchten scheint. Trocken und eindringlich. Sie gehört Charles Chadwick, dem ältesten Debütanten der britischen Literatur. Sein Lebenswerk ist soeben unter dem Titel Ein unauffälliger Mann auf Deutsch erschienen. Ein Buch, das ihn nahezu die Hälfte seines Lebens in Atem hielt. Ein 926-Seitenkoloss, an dem er sage und schreibe 32 Jahre schrieb, ehe er im Jahr 2005 bei Faber und Faber in London das Licht der Öffentlichkeit erblickte. "Der triumphalste Tag meines Lebens", sagt der Autor.

Chadwick, der bis 1992 als Mitarbeiter des British Council die halbe Welt bereiste, ist inzwischen 77, und noch immer voller Tatendrang. An diesem Morgen sitzt er in seinem winzigen Londoner Atelier, einen Steinwurf von seiner Wohnung entfernt. Er ist dabei, der Novelle, die ihn seit einiger Zeit umtreibt, ein paar neue Sätze hinzuzufügen. Drüben auf der Insel, wo sich über der Stadt, wie er sagt, gerade ein paar einsame Sonnenstrahlen durch die dichte Wolkendecke kämpfen. "Mein Roman sollte ein Buch sein, das anders war als alles, was ich bis dahin kannte", klingt es herüber, "ein Buch wie das Leben selbst. Und nicht bloß Fiction, viel direkter, unmittelbarer."

Chadwicks Opus liest sich in der Tat als literarische Großaufnahme einer ganzen Epoche mit all ihren Umbrüchen, - zerdehnt zur Totale seines eigenen Lebens. Denn Tom Ripples Geschichte ist die ihres Verfassers. Ein Sprache gewordener Lebensfilm über mehr als drei Jahrzehnte hinweg und ein literarischer Solitär, so banal und packend und so wunderbar alltäglich wie das Leben selbst, das ihm dafür all die Jahre über Modell stand. "Ich war damals so um die vierzig und hielt mich in Nigeria auf“, erinnert sich Chadwick seiner Anfänge als Romanschreiber, „als mir, nachdem ich verschiedene Romanversuche erfolglos abgebrochen hatte, ein Buch von Joseph Heller in die Hände fiel, das den Titel trug Something happened . Heller erzählte darin eine Familiengeschichte, und er tat es in der ersten Person, frei von irgendwelchen Plots. Und nachdem ich das Buch gelesen hatte, das anschließend lange mein Lieblingsbuch war, sagte ich mir: das kann ich auch."

Chadwick begann, schrieb den ersten Teil seines aus insgesamt vier Teilen bestehenden Romans in knapp acht Jahren – einer kleinen Ewigkeit für etwas mehr als gerade mal 150 Seiten. Anschließend aber verlor er sein Projekt aus den Augen. Bis er, wieder acht Jahre später und inzwischen in Kanada, den Faden seines Romans wiederaufnahm – und sein Stoff auf gut 300 Seiten anwuchs. Doch es dauerte nochmals 16 Jahre, bis Chadwick Tom Ripples Geschichte in Form der Teile drei und vier in Polen und, wieder zurück in England, vollenden konnte. "Das Ganze hatte sich inzwischen zu einer wahrhaft irrwitzigen Sache ausgeweitet", sagt Chadwick amüsiert, "denn es war so, als träfen sich zwei Freunde nur alle acht Jahre wieder, so dass sie hinterher sagen konnten: Wir kennen uns inzwischen zwar über dreißig Jahre, haben uns tatsächlich aber insgesamt nur viermal gesehen."

Worum geht es in Chadwicks Riesenwerk, über dessen Verfasser das amerikanische Nachrichtenmagazin Newsweek schrieb: "Chadwick erfindet den Roman nicht neu, er erfindet ihn im Nichts. So haben es die Meister getan. Und machen es immer noch." Tatsächlich steht Tom Ripple als ein klassischer Jedermann mit seiner mehr oder weniger bewusst verschleierten Autobiografie im Zentrum dieser Chronik der laufenden Ereignisse. Ein Mann aus der Masse: durchschnittlich, unauffällig und von ausgesucht britischem Understatement, wenn er sagt: "Wir haben ein kleines Haus, einen kleinen Garten, ein kleines Auto (alles in Folge meines kleinen Jobs), zwei völlig zufriedenstellende Kinder, und wir machen jedes Jahr zwei Wochen Urlaub irgendwo am Wasser. Ich habe keine Laster."

Mit Blick auf Chadwicks Jedermann steckt darin nur die halbe Wahrheit. Denn wenn dieser scheinbare Leisetreter eines besonders hegt und pflegt, dann seine lautlose Anteilnahme am Leben der Anderen, seinen ausgeprägten Voyeurismus. So entsteht das Porträt eines Mannes, der am Fenster stehend dem Leben zusieht, bei TV-Serien wie Kojak oder Starsky und Hutch eine Zeitlang sein Dasein vergisst und eines Tages beschließt, neben seiner gleichförmigen Büroarbeit ein wenig "Selbsterkundung zu betreiben".