Die Taylors wurden mitten in der Nacht vom Telefon aus dem Schlaf gerissen. Sofort waren sie hellwach. Am anderen Ende der Leitung meldete sich die Polizei und Feuerwehr von San Diego County. Mit metallenem Ton forderten sie die fünfköpfige Familie auf, ihre Sachen zu packen und sich in Sicherheit zu bringen. Eine Feuerwand rase auf ihr Haus zu.

Kein Grund zur Panik, beruhigte die automatische Stimme, dies sei lediglich eine vorbeugende Sicherheitsmaßnahme. Sie hätten genügend Zeit, aber sie sollten sich gleichwohl unverzüglich auf den Weg machen. Die Taylors packten das Nötigste ein und fanden Unterschlupf bei Freunden, drei Hügel weiter. Bis auch dort das Telefon klingelte. Nun kampieren sie im Qualcomm Stadion von San Diego, gemeinsam mit etwa zwanzigtausend anderen Schicksalsgenossen.

Tag vier des Feuersturms: Mehr als eine halbe Million Menschen auf der Flucht, 350.000 Häuser mussten evakuiert werden, an viele tausend Gebäude erinnert nur noch ein Häufchen Asche, der Präsident hat für Südkalifornien den Notstand ausgerufen. Die Flammen kennen weder Freund noch Feind, weder Arm noch Reich. Einige Filmstars und -sternchen, mussten Hals über Kopf aus der Malibu-Klinik fliehen, wo sie Heilung von ihrer Alkohol- und Kokainsucht suchen.

Trotzdem bricht keine Panik aus, nehmen die Menschen ihr Schicksal gelassen hin. Auch die Taylors. Sie waren vor ein paar Jahren aus der Stadt am Meer in die Hügel außerhalb gezogen. Hier ist die Luft besser, der Boden billiger und man kann im Wald die Hunde ausführen. Natürlich wussten sie um die Gefahren, schließlich hatte erst vor vier Jahren ein schreckliches Feuer die Gegend heimgesucht. Aber damals dachte man, schlimmer kann es nicht kommen. Und die Taylors glaubten, ausreichend vorgesorgt zu haben. Sie trimmten ihren Rasen kurz, sprengten ihn regelmäßig und beseitigten das ruppige Buschwerk außen herum. Der Wald und trockenes Geäst, meinten sie, sei nun weit genug weg. Noch steht ihr Haus, haben sie gehört, aber wer weiß, wie lange.

Es ist die größte Evakuierungsaktion seit Hurrikan Katrina – und die größte Hilfsaktion zugleich. Die Südkalifornier stehen zusammen. Zu Zehntausenden schleppen sie Decken, Wasser und Essen an, gewähren in ihren Wohnungen Zuflucht und betreuen die Kinder der Flüchtlinge. Täglich spricht Gouverneur Arnold Schwarzenegger übers Fernsehen zu seinem Volk, er beruhigt, ermutigt und ist ständig in der Krisenregion unterwegs. Sofort hat er den Präsidenten angerufen und ihn aufgefordert, den Notstand auszurufen, damit sofort Geld aus der Bundeskasse fließen kann. Bloß kein zweites "Katrina" ist seine Devise. Die Erinnerungen an das Unwetter, das vor zwei Jahren New Orleans und viele Orte an der Küste verwüstete, sind nicht verblasst. Noch heute leckt Amerika die Wunden. Damals regierten Chaos und Unfähigkeit, George W. Bush verschlief die erste Hilfe auf seiner Ranch in Texas.

Kalifornien ist für eine Naturkatastrophe besser gerüstet. Seit der Feuerbrunst 2003 existieren schnelle Einsatzpläne und die Notrufleitung 911 warnt die Bewohner rechtzeitig und weitflächig vor. Und trotzdem kam dieses Unheil nicht wie die Sintflut über Südkalifornien. Es wäre vermeidbar gewesen, jedenfalls zum großen Teil, denn das Ausmaß dieser Katastrophe ist von Menschen gemacht. Die bis zu 30 Meter hohen Flammen bedrohen nicht die traditionellen Städte, nicht San Diego, sondern kreisen die ungezählten Einzelhäuser und vielen kleinen Wohnsiedlungen ein, die hier in den vergangenen Jahren wahllos in die Hügel und Wälder Südkaliforniens geschlagen wurden.

Warnungen gab es viele – und frühzeitig. Gewaltige Feuer gibt es hier seit Urzeiten, die Trockenheit und steife Winde treiben sie mit rasender Geschwindigkeit voran. Seit 18 Monaten hat es kaum geregnet und Santa Ana, die im Volksmund auch "Teufelswind" heißt, bläst dieser Tage mit über 100 Stundenkilometer durch die Täler und Schluchten rund um San Diego. Da gibt es kaum ein Entrinnen.

Gleichwohl ziehen immer mehr Menschen dorthin, wo die Risiken am größten sind. Die Universität Wisconsin hat herausgefunden, dass zwei Drittel aller Häuser, die im vergangenen Jahrzehnt in Südkalifornien errichtet wurden, auf feuergefährlichem Boden stehen. Nirgendwo sonst in Amerika wird so dicht am Waldrand gebaut. Eine andere Studie belegt, dass weit über die Hälfte des Geldes, das der Forstdienst für die Brandbekämpfung erhält, zum Schutz von privaten Grund und Boden eingesetzt wird.

"Wir sind sehr erfolgreich, wenn es um die Evakuierung geht," klagt Steve Erie, Wissenschaftler an der Universität von Kalifornien in San Diego, "aber miserabel, wenn es um die Ursachen und um die Löscharbeiten geht." Nach dem verheerenden Brand von 2003, der zwölf Menschenleben forderte, stritten die Bewohner von San Diego County erbittert für eine bessere Ausstattung der Feuerwehr. Als sie jedoch mehr Geld und höhere Steuern aufbringen sollten, versagten sie ihre Zustimmung. Im Vergleich mit anderen größeren Städten zahlen sie für ihre Feuerwehr am wenigsten in ganz Amerika.

Die Taylors wollen trotzdem wieder zurück auf den Hügel ziehen – und ihre derzeitigen Stadion-Nachbarn auch. "Jeder Ort ist doch irgendeiner Gefahr ausgeliefert," sagt die Südkalifornierin Holly Friedman in einem denkwürdigen Anfall von Fatalismus und Optimismus. Auch sie will wieder zurück an den Waldrand. "Den einen trifft ein Tornado, ein Hurrikan oder ein Erdbeben, den anderen halt das Feuer."