Kein Zweifel: Die ganze europäische Presse weint den Kaczyńskis nicht hinterher und zeigt sich gemeinsam mit den deutschen Medien erleichtert, dass Europa von dem national-konservativen und kleinbürgerlichen Blick der polnischen Geschwister befreit ist.

Von einer Befreiung ist oft die Rede in den europäischen Tageszeitungen, die sich in ihrer großen Mehrheit mit dem liberalen Donald Tusk eine bessere Zukunft versprechen, jedenfalls was das Verhältnis zwischen Polen und Europa angeht. So schreibt die spanische liberale Vanguardia aus Barcelona: "Der Wahlausgang bedeutet eine Kehrtwende um 180 Grad in der polnischen Politik. Europa atmet erleichtert auf, denn mit der Schlappe der Kaczyński-Zwillinge wird es von einer schweren Last befreit. Der Machtwechsel wird in Polen neue proeuropäische Energien freisetzen."

Viele Stimmen begrüßen den Willen des polnischen Volks, sich von seinen Regierenden zu trennen. Es zeige damit seine demokratische Reife. "Die Welt des Premiers (Jaroslaw Kaczyński) ist eingeteilt in gut und böse, Freund und Feind. (...) Das Volk aber hat verstanden, dass Polen sich gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich nur im Miteinander nach vorne entwickeln kann – bis zu Kaczyński ist diese fundamentale Erkenntnis nicht gedrungen. Dafür hat er nun die Quittung bekommen. Am Sonntag haben die Polen auch gezeigt, wie stark die Idee der Demokratie in ihren Köpfen verankert ist", schreibt der Schweizer Tagesanzeiger aus Zürich.

Das Thema wird auch von der französischen Le Monde aufgegriffen, die sich aber vorsichtiger zeigt: Mit Donald Tusk als Premier werde sich Polen nicht gleich in Europa auflösen: "Die Blockadepolitik in der EU hat den Konservativen nicht genutzt. Das bedeutet nicht, dass die Polen die Verteidigung ihrer nationalen Interessen aufgeben. Alle EU-Staaten sind in derselben Lage. Doch die nächste polnische Regierung dürfte sich nicht systematisch jedem Integrationsfortschritt entgegenstellen. Sie dürfte auch damit aufhören, die deutschfeindliche Leier anzustimmen, die zu Spannungen mit Berlin geführt hat, ohne die Popularität der regierenden Zwillinge zu erhöhen. Wechsel, Mäßigung, Niederlage der Populisten: Polen gibt ein Beispiel für politische Reife, die vielleicht das Ende der Übergangszeit einläutet. Die Ehemaligen der Gewerkschaft Solidarität, die sich nach ihrem entscheidenden Beitrag zum Fall des Kommunismus zerstritten hatten, finden sich jetzt in allen Parteien wieder. Das ist eine Form der demokratischen Normalität, die auch das Ende der Romantik besiegelt."

Die misstrauischste Meinung formuliert die linksliberale De Volkskrant aus Amsterdam, die vor einer Welle des Enthusiasmus warnt und zu Recht daran erinnert, dass der Staatspräsident, der andere Kaczyński, die innenpolitische Lage immer noch beeinflussen kann: "Es wäre ein Missverständnis zu glauben, dass in Polen nun ein völlig anderer Wind weht. Patriotische Gefühle sind und bleiben stark. Warschau wird Brüssel nicht plötzlich mit Kusshand grüßen. Die Bürgerplattform ist eine (neo-)liberale Partei mit einem nicht unbedeutenden konservativen Flügel. Außerdem ist da noch Präsident Kascyński, dessen Mandat bis 2010 reicht. Mit seinem präsidialen Vetorecht kann er Gesetzentwürfe blockieren. Zwar ist es möglich, ein Veto mit einer Drei-Fünftel-Mehrheit zu überstimmen, aber häufige Wiederholung könnte zu einem auszehrenden politischen Stellungskrieg führen. Dann käme Polen vom Regen in die Traufe."

Es wäre allerdings auch ein Irrtum zu denken, dass die Polen die Kaczyński-Regierung abgewählt haben, nur weil sie um ihre europäische Zukunft besorgt wären. Die Neue Zürcher Zeitung listet die politischen und wirtschaftlichen Gründe auf, die die bisherige Regierung schwer belastet haben: "Die Regierung ist nicht nur deshalb abgewählt worden, weil sie – wie Jaroslaw Kaczyński noch in der Wahlnacht sagte – mit einer ‚beispiellosen breiten Angriffsfront’ konfrontiert gewesen war, sondern weil viele Polen vom aggressiven und konfrontativen Stil des Ministerpräsidenten einfach genug hatten. Hinzu kommt, dass auch der Leistungsausweis der Regierung dürftig ist. Sie ist von einer innenpolitischen Krise in die andere geschlittert. Sie hat kaum etwas zum derzeitigen Wirtschaftsboom beigetragen und die günstige Gelegenheit verpasst, die notwendigen Strukturreformen anzupacken. Kaczyńskis Regierungszeit war geprägt von Skandalen, Entlassungen, Rücktritten, Beschuldigungen, taktischen Verwirrspielen. Seine Regierung hat viel Wirbel verursacht, aber wenig bewirkt."