Kalt ist es nicht, doch die Nebelschwaden, die durch die engen Gassen der Altstadt von Edinburgh ziehen, lassen die Menschen schauern. Viele sind es nicht mehr um diese Zeit, eine Viertelstunde vor Mitternacht kauft wohl auch in Schottland niemand mehr ein. Doch ich möchte in der angeblich gespensterreichsten Stadt in ganz Großbritannien Geister sehen. Und dazu werde ich mich zu nachtschlafender Stunde echten Geisterjägern anschließen - in den South Bridge Vaults, den finsteren Gewölben im Untergrund der Stadt.

Schon die Geschichte der Vaults sollte genügen, dem abgeklärtesten Besucher eine gepflegte Gänsehaut zu bescheren. Angelegt wurden sie um 1800, zu einer Zeit, als die stetig wachsende Bevölkerung nicht mehr genügend Platz innerhalb der Stadtmauern fand. Also wurden die Bögen der südlichen Brücke ausgemauert und mit Kammern versehen. Sie dienten als Werkstätten, Lagerräume und Wohnraum. Zuerst waren es Menschen aller Schichten, die in die Vaults zogen, um dort zu leben und zu arbeiten. Doch bald blieben nur die Ärmsten der Armen. Und jene, die das Tageslicht fürchteten. Krankheiten breiteten sich aus, die Kriminalität blühte. Menschen töteten und wurden getötet in den Vaults.

Um Punkt Mitternacht öffnet sich der Eingang zu Edinburghs Unterwelt. Allerdings nicht von Geisterhand, sondern vom Team der Ghost Finders Scotland, bei denen ich und ungefähr 20 andere diese Tour gebucht haben.

"Ist hier irgendwer skeptisch?", fragt Mark. Einige aus der Besuchergruppe heben die Hand. Andere haben sich noch nicht recht entschieden, ob sie an Geister glauben oder nicht. Iris und Susan aus Aberdeen sind dagegen felsenfest davon überzeugt, dass Gespenster Wirklichkeit sind. "Wir waren schon bei einer Gespensternacht in Leith Hall", erzählt Iris. Noch bevor die eigentliche Geisterjagd begann, sagt Iris, habe sie ein geisterhaftes Seil von einem Baum auf dem Grundstück baumeln sehen. "Später habe ich erfahren, dass dort vor langer Zeit jemand gehängt wurde."

Die unebenen Stufen hinab in die Vaults sind eng und dunkel. "Es ist eine Frau hier", sagt Linda, die als Medium fungiert und den Besuchern weitererzählt, was die Gespenster ihr flüstern. "Ihr Name ist Rosie. Sie sagt, der Mann, der sie ermordet hat, ist auch hier. Da drüben in der Ecke." Linda deutet hinüber, macht eine kleine Pause. Dann nickt sie, hört jemandem zu, den sonst niemand im Raum hören kann. Nickt wieder. "Sie sagt, sie hat sich drei Münzen von ihm geborgt, und als er sein Geld zurück wollte, konnte sie es ihm nicht geben. Er wurde wütend und hat sie umgebracht."

Als Linda neun Jahre alt war, fing sie an, Gespenster zu sehen, zu spüren und zu hören. "Ich habe immer meiner Mutter davon erzählt", erinnert sich das Medium. "Sie sagte dann, ich solle aufhören, mir solche dummen Geschichten auszudenken. Also habe ich irgendwann nicht mehr darüber gesprochen. Was nicht heißt, dass ich aufhörte, sie zu sehen und zu spüren."

Sie, das sind Geister. Gefangen irgendwo zwischen dieser Welt und der anderen, aus irgendeinem Grund. Linda beschreibt sie als durchscheinende Figuren, gekleidet, wie es jeweils zu ihrer Zeit üblich war. Manche, sagt Linda, seien sich im Klaren darüber, dass sie tot sind, andere nicht.

"Wir gehen jetzt rüber in den Korridor", sagt Mark, während er vorangeht in den hintersten Abschnitt der Vaults. "Das soll der aktivste Spukort hier unten sein."