Der Triumph der Unterhaltung – Seite 1

Die jüngste Skandalstory aus London erweist sich als schier unwiderstehlich für die internationale Medienwelt. Ob Boulevardblatt oder gehobene Gazette, niemand möchte auf die Geschichte verzichten. Auch nicht ZEIT Online. Die vier Reizworte, die hier zusammenflossen, Sex, Drogen, Erpressung und königliche Familie, ließen den Widerstand selbst jener Medienschaffender bröckeln, die der Meinung sind, man dürfe sich nicht auf dieses Niveau begeben und solle solcherlei Stories den Tabloids und anderen, weniger zimperlichen Medien überlassen. Ansonsten bleibt ihnen nur, resignierend darauf zu verweisen, das Publikum verlange leider nach solch einem Stoff.

Zur Sache selbst soll hier nur soviel gesagt werden: Mehr wird man spätestens dann erfahren, wenn es im Dezember zu dem Prozess wegen versuchter Erpressung kommen wird, gegen die beiden Männer, die in eine Falle der Polizei getappt und danach verhaftet worden waren. Dann wird sich herausstellen, ob wirklich ein Video existiert, dass ein Mitglied der königlichen Familie bei einem schwulen Sexakt zeigt (der Anwalt der Beschuldigten verneint das), und ob Kokain in einem Umschlag mit den Insignien der königlichen Familie den Besitzer wechselte. Wer vor brennender Neugier nicht solange warten mag, sei in der Zwischenzeit auf das Internet verwiesen.

Uns sollen hier zwei Fragen interessieren: Warum erregt eine solch banale Story solches Aufsehen rund um die Welt? Eine kurze Internet-Recherche zeigt, dass die Story in Indien genauso verbreitet wurde wie in Amerika und Europa. Liegt es an dem besonderen Rang der britischen Monarchie oder ist es vor allem den britischen Medien geschuldet, die besonders geübt darin sind, Schmuddelgeschichten auszugraben und hochzuziehen, wenn sie nicht - wegen ihres grenzenlosen Appetits auf Skandale und Skandälchen, in die Berühmtheiten verwickelt sind - indirekt selbst solche Erpressungsmanöver auslösen.

Nach einer nicht ganz unwahrscheinlichen Version, die derzeit in den britischen Medien kursiert, sollen die beiden Männer die Geschichte zunächst einem Sonntagsblatt angeboten haben, das in der Vergangenheit des öfteren peinliches über die Aktivitäten einiger Royals enthüllt hatte. Nach einigen Recherchen verlor das Blatt das Interesse an der Story und hat die Angelegenheit Palast wie Polizei gemeldet.

Beide Seiten, Medien wie Adlige, spielen hier mit hinein. Die britische Monarchie genießt eine Sonderstellung unter den gekrönten Häuptern der Welt. Man kann sie mit einem gewissem Recht als einzige "internationale" Monarchie der Welt bezeichnen. Elisabeth die Zweite ist nicht nur das Staatsoberhaupt des Vereinigten Königreichs, sondern das vieler Staaten - von Australien über ein paar Karibikinseln bis Kanada und zudem Oberhaupt des Commonwealth. Anderswo, in Holland oder Spanien, mögen junge Royals oder Mitglieder der weiteren Königsfamilie auch schon mal Kokain schnupfen, sich sexuell betätigen oder einen Seitensprung machen; aber ähnliche Stories aus anderen "gekrönten Republiken" (die Bezeichnung ist George Orwell zu verdanken) besitzen nicht annähernd den gleichen Nachrichtenwert. Dank seiner Royals besitzt Großbritannien, was öffentliche Aufmerksamkeit betrifft, immer noch den Rang einer Weltmacht.

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Auch die britische Presse ist ein ganz besonderes Biest: Man kann sie als die freieste und zugleich als die zügelloseste der Welt bezeichnen. Presse- und Meinungsfreiheit haben sich in Großbritannien über Jahrhunderte hinweg herausgebildet, parallel zur Demokratie, die über einen langen Zeitraum gleichsam organisch heranwuchs. Britische Zeitungen sind mutig und investigativ, wahrscheinlich auch heute noch meinungsfreudiger, weniger verhuscht und furchtloser als die Presse in den Staaten des europäischen Kontinents mit ihren etatistischen und obrigkeitsstaatlichen Traditionen.

Zugleich sind die dunkleren Seiten der Presse in Großbritannien stärker ausgebildet als anderswo. Charakterisieren lassen sie sich als ständige Suche nach Sensationen und Skandalen, nach Fehltritten von Celebrities und Politikern. Unterhaltung triumphiert. Die kollektive Energie der Medien wird, insgesamt betrachtet, mehr als je zuvor darauf gerichtet, die Privatsphäre von Individuen auszuspähen und saftiges zu Tage zu fördern. Dem Trend, den die britischen Medien mit besonderem Gusto pflegen, folgen die Medien überall in der Welt. Ihm huldigen in gewissem Maße selbst anspruchsvollere Zeitungen und Fernsehsender, oft aus Sorge, andernfalls abgehängt zu werden und die Bedürfnisse des Publikums nicht mehr zu befriedigen. Das Publikum will es wissen. Auch wenn es einige standhafte Leute gibt, die sich darüber beschweren, dass solch triviale Themen überhaupt aufgegriffen werden. Immerhin bieten sie Anlass, über die Entwicklung zu reflektieren, die unsere Mediendemokratien genommen haben.