Nun also auch Erz, Stahl und Kohle. Traf der Konflikt zwischen Bahn und der Gewerkschaft deutscher Lokführer (GdL) bislang nur Passagiere von Nahverkehrszügen, bekommt der Tarifstreit ab sofort neue Dimensionen. Das Landesgericht Chemnitz hat entschieden, dass die GdL nicht nur den Nahverkehr lahm legen darf, sondern auch den Fernverkehr, vor allem aber den Güterverkehr und damit die Züge der Transport-Tochter Railion. Letzteres wurde bis zuletzt heiß diskutiert. Denn stillgelegte Güterzüge könnten der Volkswirtschaft ernstlich Schaden zufügen.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) rechnet etwa vor, dass ein Streik im Güterverkehr, dauert er länger als drei Tage, die deutschen Unternehmen rund 50 Millionen Euro pro Tag kosten könnte. Dauert der Streik eine Woche oder länger, wären es gar 500 Millionen täglich. Das sind freilich Schätzungen. Tatsächlich aber könnte ein Streik einige Branchen hart treffen, etwa die Autoindustrie.

Beispiel Porsche. Dort produziert man den Cayenne "just-in-time", das heißt, jedes Teil kommt erst dann am Werkstor an, wenn es benötigt wird. Für das Werk Leipzig, wo jeden Tag eine Lieferung von 180 Karosserien aus dem Volkswagen-Werk in Bratislava per Zug eintreffen, heißt das: Innerhalb eines Tages läge das Werk lahm, die Bänder stünden still. "Ohne Bahn können wir keinen Cayenne bauen", sagt ein Sprecher des Konzerns.

Beispiel Volkswagen. Durch den nun bevorstehenden Streik rechnet man mit Ausfällen in Millionenhöhe. VW produziert an neun Standorten in Deutschland, hinzu kommen zwei Werke von Audi. Derzeit arbeite man an Alternativstrategien, etwa einer Verlagerung auf die Straße. Die Logistik sei alarmiert, ein Krisenstab eingerichtet. Bei Volkswagen arbeitet man nun fieberhaft an einem Plan B.

Das Problem ist nur: Für viele andere Unternehmen gibt es keinen Plan B. Viele Branchen, zum Beispiel die Stahl- und Kohleindustrie, sind auf die Bahn angewiesen. Andere haben genau abgestimmte Lieferverträge, manche haben gar mit der Bahn gemeinsame Waggons und ausgeklügelte Beladepläne entwickelt. Oft ist ein Wechsel auf die Straße unmöglich. So genanntes Schüttgut, Kohle etwa, lässt sich nur schwer per LKW transportieren.

Und selbst wenn es ginge: So viele Lastwagen wie es bräuchte, um die Folgen des Streiks aufzufangen, sind derzeit gar nicht im Einsatz. Rund 800.000 Lkws verkehren täglich auf Deutschlands Straßen, die Kapazitäten sind weitgehend erschöpft. Dietrich Ziems, Professor am Lehrstuhl für Logistik an der Uni Magdeburg, fürchtet daher, dass es im Falle eines Streiks "zu erheblichen Engpässen" bei den Speditionen kommen wird. Manch einen Autofahrer mag das beruhigen: Unzählige LKWs werden die Straßen im Streikfall nicht verstopfen. Freuen werden sich hingegen die Spediteure. Einige Verbände liebäugeln bereits damit die Preise, um bis zu 20 Prozent zu erhöhen.