Kennen Sie Eisuke Sakakibara? Wahrscheinlich ist sein Name nur noch jenen Marktteilnehmern ein Begriff, die sich schon längere Zeit mit der Börse beschäftigen und als Anleger schon den ein oder anderen Wirbelsturm überstanden haben. Sakakibara war von 1997 bis 1999 stellvertretender japanischer Finanzminister und als solcher auch für die Wechselkurspolitik zuständig.

Während seiner Amtszeit war er bei den Devisenhändlern sehr gefürchtet. Immer wenn ihm ein Mikrofon vorgehalten wurde und er einen Kommentar abgab, fingen die Devisenmärkte an zu zittern. Würde Sakakibara sich zum japanischen Yen äußern? War er mit der jüngsten Entwicklung der Wechselkurse zufrieden, oder würde er versuchen, sie durch seine Äußerungen zu beeinflussen? Die Händler und Anleger am Devisenmarkt fürchteten sich vor Sakakibara, und sie nannten ihn respektvoll "Mr. Yen".

Er leitete die Märkte wie ein Dirigent. Gab es Misstöne, hob er seinen Taktstock und intervenierte am Devisenmarkt – und schon spielten wieder alle in der richtigen Tonart. Seine exponierte Stellung machte ihn aber auch angreifbar. Entsprechend groß war die Aufregung, als er 1999 plötzlich seinen Rücktritt bekannt gab. Doch damit war er nicht aus dem Geschäft. Befreit von diplomatischen Zwängen, konnte er offener sprechen als je zuvor, und so beeinflusste er auch nach dem Ende seiner Amtszeit die Märkte.

Alan Greenspan, der "Magier", der während seiner Amtszeit als Präsident der US-Notenbank die Beeinflussung der Märkte perfektionierte, ist zurzeit in einer ähnlichen Position wie damals Sakakibara. Auch er äußerte sich nach seiner Pensionierung öffentlich, ob durch seine Memoiren oder öffentliche Äußerungen anderer Art. Auch er kann die Märkte immer noch sehr gut beeinflussen. "Greenspan warnt vor einem Platzen der Blase am chinesischen Aktienmarkt": Kaum kam diese Meldung im Frühjahr über den Ticker, knickten die asiatischen Aktienmärkte ein – allerdings nur, um sofort wieder zu steigen. "Greenspan sieht lang anhaltende Probleme aufgrund des US-Immobilienmarktes": Auch nach dieser Schlagzeile gaben die Kurse nach, erholten sich dann aber ebenfalls gleich wieder, zumindest für eine gewisse Zeit. In den vergangenen Wochen warnte Greenspan erneut, die asiatische Blase könnte platzen und die US-Immobilienkrise neue Probleme mit sich bringen. Zudem beschwor er die Gefahr einer Rezession in den USA. Die Börsianer bestätigte das in ihrer allgemeinen Skepsis.

Doch wenn sich ein ehemals einflussreicher Wirtschaftspolitiker im Ruhestand befindet, sind seine Aussagen anders zu beurteilen als zu seiner Zeit in Amt und Würden. Natürlich ändert sich an seinen intellektuellen Fähigkeiten mit der Pensionierung nichts. Aber der Stab an Mitarbeitern ist plötzlich nicht mehr verfügbar, und Insiderinformationen werden dem Privatmann auch nicht mehr so leicht zugetragen. Die Märkte werden das noch lernen. Wenn immer häufiger Meldungen über neue Kommentare Greenspans kommen, die sich im nachhinein als private Ansichten entpuppen, werden sie irgendwann nicht mehr reagieren. Aber bis dahin darf der Magier noch zaubern.

Conrad Mattern ist Vorstand der Conquest Investment Advisory AG und Lehrbeauftragter an der Ludwig-Maximilians-Universität München.