Manch ein Lufthansa-Pilot mag sich derzeit an die Zeit des Kalten Krieges erinnern: Seit dem Wochenende fliegen die Maschinen der Lufthansa-Frachttochter Cargo vom Typ MD-11F nicht mehr über das Drehkreuz Astana in Kasachstan und Taschkent in Usbekistan, sondern auf den Routen der Sowjetzeit – über Anchorage in Alaska, Indien und Afghanistan im Süden. Grund für den Umweg ist ein Streit über Flugrechte, den Moskau mit der deutschen Regierung angezettelt hat.

Seit Sonntag, 0 Uhr, untersagt die nationale russische Flugbehörde der Lufthansa-Tochter, Russland zu überfliegen. Offiziell heißt es vonseiten der Behörde, die Lufthansa habe einen Antrag nicht rechtzeitig gestellt. Der Konzern bestreitet dies: Man habe fristgerecht gehandelt, der Antrag sei jedoch zweimal abgelehnt worden, zuletzt kurz vor dem Flugplanwechsel am Wochenende. Auch das Gerücht, man habe die regelmäßig fälligen Gebühren für den Überflug über russischen Territoriums nicht bezahlt, wies die Lufthansa zurück.

Für die größte deutsche Fluggesellschaft ist die Route enorm wichtig. Rund 49-mal pro Woche fliegt Lufthansa Cargo von Frankfurt nach Astana und zurück. Der nun erforderliche Umweg betrage anderthalb Stunden pro Strecke, teilte der Konzern mit. Dies treibe nicht nur die Kerosinkosten in die Höhe, sondern führe auch zu Verspätungen im Flugplan. Nun hofft man auf eine rasche Lösung seitens der Politik.

Die verhandelt. Seit Mittwochabend sitzen Vertreter des russischen und deutschen Verkehrsministeriums auf Staatssekretärsebene beisammen. Man sei um eine "Entschärfung" bemüht, heißt es. "Wir prüfen parallel, ob auch Fluggesellschaften anderer Länder betroffen sind. Zudem prüfen wir, ob die Europäische Union eingeschaltet wird", sagte ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums. Die bilateralen Gespräche sollen weiterlaufen, ein Ende ist nicht in Sicht. Um ein einfaches Missverständnis handelt es sich also offenbar nicht.

Was Moskau zu der Aktion getrieben hat, ist bislang unklar. Anzunehmen ist, dass die russische Seite am ständig wachsenden Verkehr nach Asien stärker finanziell teilhaben will. Im vergangenen Jahr kassierte die staatliche russische Fluglinie Aeroflot rund 300 Millionen Euro von europäischen Fluggesellschaften für die Überflugrechte. "Jetzt geht es auch darum, dass man mehr Geld haben möchte", sagt Alexander Rahr, Russlandexperte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Warum die Aktion gerade die Lufthansa Cargo traf, lässt sich nur vermuten. Eine Erklärung ist, dass das Unternehmen zwar den russischen Luftraum überfliegt, allerdings keine russischen, sondern usbekische und kasachische Ziele ansteuert, von denen die Ware dann in die asiatischen Länder umgeschlagen wird.

Die Überfluggebühren für den russischen Luftraum sind seit mehr als 20 Jahren ein schwieriges Thema zwischen Russland und Europa. Generell ist es unüblich, dass Länder Geld dafür nehmen, dass Flugzeuge den heimischen Luftraum passieren dürfen. Russland nutzt hier allerdings seit Jahren seinen geografischen Vorteil: Weil der Handel zwischen Asien und Europa boomt, der Frachtverkehr zwischen den beiden Regionen seit Jahren überproportional zum gesamten Flugverkehr zunimmt und die Frachter am schnellsten über russischen Boden ans Ziel kommen, hält Moskau für jeden Flieger die Hand auf. Luftfahrttechnisch liegt Moskau im Reich der Mitte.