"Hier beginnen Schriftstellerkarrieren - oder sie enden schon, bevor es richtig losgehen konnte", lautet der letzte Satz des Klappentextes der Anthologie zum 15. Open Mike in Berlin. Er wird von den eingeladenen Teilnehmern mit nervösem Lächeln quittiert. Sie alle hatten zuvor ihre Manuskripte eingesendet, womit sie Teil des dreistufigen Wettbewerbs wurden. Zunächst wählten sechs renommierte Verlagslektoren die 21 Autoren für den Endausscheid. Dieser wurde am vergangenen Wochenende in Form öffentlicher Lesungen ausgetragen, jeder Teilnehmer hatte genau 15 Minuten Lesezeit zur Verfügung, die durch das Klingeln eines Weckers beendet wurden. Die Preisverleihung ist die letzte Stufe. Erstmalig wurde in diesem Jahr ein Preis für Lyrik vergeben, zwei für Prosa, die Gesamthöhe der Preisgelder beträgt 4500 Euro.

Der Schriftsteller und Werbetexter Simon Urban wurde aus 660 Einsendungen aus dem deutschsprachigen Raum unter die 21 Kandidaten gewählt, die in Berlin vortragen dürfen. Er ist Anfang dreißig und lebt in Hamburg und Leipzig. Mehrere Preise konnte er bislang gewinnen, unter anderem den Literaturförderpreis Ruhrgebiet und den Limburg-Literaturpreis der Stadt Bad Dürkheim. Nun hofft er auf einen Preis, wie ihn hier bereits Kathrin Röggla, Jochen Schmidt oder Jörg Albrecht gewonnen haben.

Samstag 3. November 2007 / 11:15 Uhr

ZEIT online: Ihre eingereichte Kurzgeschichte hat den längsten Titel: Immerhin habe ihr Onkel durch seine Flucht in die DDR jetzt ein eigenes Denkmal, sagte Jana Schramm . Wovon handelt der Text?

Simon Urban: Soweit ich das beurteilen kann, ist der Text eine politische Satire. Er beschreibt die Flucht eines Kapitalisten, der am Kommunismus verdient hat, in die DDR. Diese Flucht ist ein PR-Coup, der den Sozialismus vor dem Untergang retten soll.

ZEIT online: Sind politische Themen, wie in dieser Geschichte, immer Grundlage Ihrer Texte?

Urban: So oft, dass ich mir schon Sorgen mache. Ich muss die DDR jetzt langsam auch mal für mich untergehen lassen. Es wird nur immer schwerer, in Europa so fantasievolle Tyranneien zu finden.

ZEIT online: Was hat Ihnen der Open Mike bis jetzt gebracht?

Urban: Respekt vor dem Wettbewerb - es wird im Vorfeld doch ganz schön viel darüber geredet. Und natürlich die Vorfreude, dabei zu sein.

Samstag 3. November 2007 / 12:15 Uhr

Berlin, Prenzlauer Berg. Simon Urban, weißes Hemd, hellbraunes Cordjackett, schwarze Haare, Dreitagebart, geht neben mir und telefoniert mit Tina Gintrowski. "Wo bist Du denn?", keiner weiß, wo genau die Wabe ist, der Ort, an dem der 15. Open Mike stattfinden wird. Die letzten Weghinweise werden ausgetauscht, bevor sich Simon und Tina auf der Danziger Straße begrüßen. Beide sind sichtlich aufgeregt. In der Wabe angekommen, sitzen und rauchen dort andere Teilnehmer, es ist ein reges Kommen und Gehen, ein allgemeines gegenseitiges Vorstellen und Kennenlernen, Radiointerviews werden gegeben, auf der Bühne findet schüchternes Probesitzen statt. Manche sind versucht ihre Nervosität mittels Zeitung oder Anthologie fortzulesen. "War ein Fehler mitzumachen", sagt Tina Gintrowski. Ein Blick in die Anthologie und sie habe das Gefühl, dass jeder Satz der anderen grandios sei.

Alle zählen die Minuten bis dreizehn Uhr, Zeitpunkt der Auslosung für die Reihenfolge der Lesungen. Die Spannung im Vorraum der Wabe kann fast mit den Fingerspitzen berührt werden. "Warum macht man das eigentlich mit?" (Simon Urban) "Weil man nicht damit rechnet, dass es klappt." (Tina Gintrowski). Nervöses Lachen.

ZEIT online: Simon, ein Wort zu den anderen Teilnehmern: Konkurrenz oder Kollegen?

Urban: Der Wettbewerb ist eine freundliche Angelegenheit. Natürlich befindet man sich in einer Konkurrenzsituation, aber es ist eine harmonische Konkurrenzsituation.

ZEIT online: Was hat Ihnen der Open Mike bis jetzt gebracht?

Urban: Sechzig Euro Startgeld.

Samstag 3. November 2007 / 13:15 Uhr

"Dieser Preis soll Türen aufmachen", sagt Thomas Wohlfahrt von der Literaturwerkstatt Berlin zur Begrüßung der Kandidaten. Nacheinander werden die einundzwanzig zum Teil sehr jungen Teilnehmer - Juliane Liebert ist mit neunzehn die jüngste - auf die Bühne gerufen um eine Nummer zu ziehen. Als Theresa Pak die Nummer eins zieht, geht ein mitfühlendes Raunen durch die Reihen der Kandidaten. Simon Urban zieht die Acht.

ZEIT online: Wie fühlen Sie sich?

Urban: Ganz gut. Ich bin froh, dass ich als achter heute noch dran komme. Dann hab ich die Lesung hinter mir und kann die anderen Texte genießen.

ZEIT online: Ist das Ihre erste Lesung? Wie haben Sie sich vorbereitet?

Urban: Das ist, glaube ich, die fünfte oder sechste Lesung. Die Vorbereitung bestand natürlich vor allem darin, den Text immer wieder zu lesen, ihn inn- und auswendig zu kennen und genau zu wissen, wie man Spannung und Abwechselung in den Vortrag bringen kann.

ZEIT online: Was hat Ihnen der Open Mike bis jetzt gebracht?

Urban: Die Nummer Acht.

Samstag 3. November 2007 / 14:15 Uhr

Der Veranstaltungsraum der Wabe ist bis auf den letzten Platz gefüllt, und weiterhin strömen vor allem junge Gäste durch die Türen, setzen sich auf Tische, den Boden, lehnen sich an Wände. Jeder Autor wird zunächst von seinem Lektor vorgestellt, die unabhängigen Juroren sind Georg Klein, Antje Ravic Strubel und Raphael Urweider. Die Kandidatin Juliane Liebert wird zwar nicht den Lyrikpreis des diesjährigen Open Mike gewinnen, beeindruckt aber dennoch mit ihrer Lyrik. Mit neunzehn Jahren steht sie auf der Bühne und trägt ihre sprachgewandten Gedichte vor, die mit einer Selbstverständlichkeit um die Themen Sex, Lust und Körper kreisen, dass man angesichts ihres Alters nur staunen kann. "in dem winkel, wo die linie der schenkel auf die scham trifft, ist/die kühle deiner zunge eingezogen. der weiße hass meiner glieder/umwürgt dein becken." (Juliane Liebert, bündel mein fleisch in losen strängen ). In der Pause wird Lauchsuppe und Pasta Arrabiata angeboten. "Ich brauch dringend Kaffee" (Einer der Teilnehmer). "Was für eine Tortur" (Simon Urban).

Samstag 3. November 2007 / 17:15 Uhr

Bettina Hesse, Verlegerin des Kölner Literaturverlags Tisch 7, ist Simon Urbans Lektorin. Schon beim ersten Mal lesen sei ihr klar gewesen, dass es dieser Text in die Endrunde schaffen würde, so Hesse zur Einführung. Immerhin habe ihr Onkel durch seine Flucht in die DDR jetzt ein eigenes Denkmal, sagte Jana Schramm sei ein Paradebeispiel für humoristische Texte mit politischem Thema.

ZEIT online:(flüsternd) Simon, wie geht es Ihnen kurz vor Ihrem Auftritt?

Urban:(ebenfalls flüsternd) Dazu sage ich lieber nichts.

Simon Urban betritt die Bühne und beginnt zu lesen. Seine Stimme ist ruhig, seine Aussprache deutlich, es ist, als habe er beim Betreten der Bühne seine Nervosität in den Publikumsreihen zurückgelassen. Schon nach wenigen Sätzen das erste Lachen bei den Zuhörern. "Auch wenn August Schramm samt Familie längst in eine ehemalige Gauleiter-Villa in Schilksee umgezogen sei, samt Pullman-Mercedes und Chauffeur, habe der Kieler Oberbürgermeister angesichts der wachsenden Produktion von Fahnen und Parteiprogrammen für den Sozialismus schließlich eine sichtbare Geste verlangt, die Schramms Bekenntnis zur freien Marktwirtschaft unterstreichen solle und seinen Glauben an das bundesdeutsche System und an Gott, kurz, den Beitritt zur CDU." (aus: Simon Urban, Immerhin habe ihr Onkel.. .). Wie ein Politiker steht Simon Urban auf das Pult gestützt, sucht immer wieder über den Rand seiner Brille Blickkontakt zu seinem Publikum, liest souverän, energisch und pointiert. Sein Text besticht durch subtilen Witz, der Applaus nach seiner vortragsgleichen Lesung ist bislang der größte.

ZEIT online: Wie war es?

Urban: Es hat sehr viel Spaß gemacht. Die Kulisse in der Wabe ist beeindruckend, die Ex-DDR-Bewohner haben den Saal nicht verlassen und die meisten Zuhörer haben ziemlich viel gelacht. Zum Glück an den richtigen Stellen.

ZEIT online: Was hat Ihnen der Open Mike bislang gebracht?

Urban: Eine Lesung, die richtig viel Spaß gemacht hat.

Samstag 3. November 2007 / 18:15 Uhr

Es folgt an diesem Samstag der dritte und letzte Block, in dem es die spätere Gewinnerin Tina Ilse Gintrowski ist, die mit ihrem überragenden Text Planet Pony besondere Aufmerksamkeit auf sich zieht. "Mein größtes Problem war zu der Zeit schon der Fuchs und die Frage, wie ich das verdammte Vieh wiederbeleben sollte, also ich rede von dem, der in meinem Körper steckte, mit mir gemeinsam, gewissermaßen, wenn ihr versteht, was ich sagen will. Ich meine, jeder ist ja wohl irgendwie mal Fuchs gewesen, oder hat irgendwo einen in sich, aber bei mir ist da irgendwann vor Jahren wohl mal was verdammt schief gelaufen [...]". (aus: Tina Gintrowski, Planet Pony ). Ihre Sprache ist frisch, das Thema, auf diese Art aufbereitet, neu, es handelt sich um den Aufenthalt einer Ich-Erzählerin in einer Klinik für psychisch Kranke, das Publikum ist begeistert.

Sonntag 4. November 2007 / 18 Uhr

ZEIT online: Simon, kurz vor der Preisverleihung, rechnen Sie sich Chancen aus?

Urban: Keinem Teilnehmer ist es egal, wie er abschneidet - jeder hofft insgeheim ein bisschen, dass er vielleicht Glück hat. Aber um genau dieses Glück, also um individuellen Jury-Geschmack, geht es eben auch, und insofern bringt es nichts, zu spekulieren. Tendenziell glaube ich eher nicht, dass es mich trifft.

ZEIT online: Haben Sie andere Kandidaten beim Lesen ihrer Texte gehört?

Urban: Ich habe fast alle Kandidaten erlebt und mir ging es natürlich wie den anderen Zuhörern - mit manchen Texten konnte ich mehr anfangen, mit anderen weniger. Das liegt in so einer Situation natürlich auch stark am Vortrag. Beim Lesen würde sich sicherlich noch mal ein anderer Eindruck ergeben. Insgesamt war das Niveau sehr hoch und es gab viele interessante und vor allem abwechslungsreiche Texte.

Nachdem auch die letzten zehn Kandidaten gelesen haben, herrscht wiederum gespannte Stimmung. Die Verleihung verzögerte sich, einige Offizielle haben noch vieles zu sagen. Dann riesiger Applaus, als der erste prämierte Text beschrieben und allen klar wird, dass Tina Gintrowski mit Planet Pony gewonnen hat. Johann Trupp gewinnt mit seinem Text Parallelgestalten nicht nur den zweiten Prosapreis, sondern auch den in diesem Jahr zum ersten Mal verliehenen Preis der taz -Publikumsjury. Judith Zander gewinnt den Lyrikpreis.

Sonntag 5. November 2007 / 21 Uhr

ZEIT online: Simon, wie fühlen Sie sich nach der Preisverleihung?

Urban: Ich glaube, alle sind froh, dass es endlich vorbei ist.

ZEIT online: Welchen Sinn sehen sie in einem Wettbewerb wie diesem? Handelt es sich dabei nicht gewissermaßen um einen literarischen Viehmarkt und was kann ein solcher leisten?

Urban: Der Open Mike ist natürlich ein Viehmarkt, aber es kann ja jeder selbst entscheiden, ob er zum Vieh gehören möchte oder nicht. Wer gelesen werden will, muss also auch mal das Vieh sein können. Außerdem macht das ja durchaus Spaß, vor so einer Kulisse.

ZEIT online: Aussichten, Träume, Wünsche? Was kommt jetzt?

Urban: Der Open Mike will ja Türen für Nachwuchsautoren öffnen, und das gelingt auch. Es gibt Interessenten für größere Prosa-Projekte der Teilnehmer und das ist natürlich immer auch die Hoffnung aller Autoren, die einen Roman oder den Teil eines Romans in der Schublade haben.

ZEIT online: Haben Sie so etwas in der Schublade liegen?

Urban: Ich arbeite seit rund zwei Jahren an einem Roman. Und das dauert auch noch eine ganze Weile.

ZEIT online: Was hat Ihnen der Open Mike gebracht?

Urban: Eine Lesung, die sehr viel Spaß gemacht hat und ein enorm anstrengendes Wochenende.

ZEIT online: Mit welchem Gefühl fahren sie nach Hause?

Urban: Hunger auf Fischstäbchen.

* Die Wettbewerbstexte des 15. Open Mike sind als Anthologie im Allitera Verlag erschienen und im Buchhandeloder im Internetzu erwerben. Deutschlandradio Kultur sendet am Sonntag den 11.11. von 0.05 -1.00 Uhr eine Reportage zum 15. Open Mike. Im Rahmen des Wettbewerbs startet am 7.11. wieder Open Poems, die Schreibwerkstatt für junge Dichter von 16-23 Jahren. Unter der Leitung des Berliner Autors Björn Kuhligk findet Open Poems jeden zweiten Mittwoch von 17:00-18:00 statt. Der Eintritt ist frei, Anmeldung untermail@literaturwerkstatt.org