Ein immer wieder beliebtes Filmthema ist eine Konstellation, die hier als Big-Brother-Motiv bezeichnet werden soll. Der Name bezieht sich dabei nicht auf seinen eigentlichen Schöpfer George Orwell, sondern auf die gleichnamige Fernsehveranstaltung: Man sperre eine Handvoll möglichst unterschiedlicher Charaktere in einem Container –- wahlweise auch in ein Dschungelcamp oder auf eine Alm –- und warte, bis sie sich auf die Nerven gehen. Irgendetwas kommt immer dabei heraus: mindestens eine Meinungsverschiedenheit, wenn nicht gar ein paar handfeste Kräche; im Bestfall verlieben sich noch zwei ineinander.

Dieses Motiv liegt auch Marc Meyers Komödie Wir sagen Du! Schatz. zugrunde. Sieben grundverschiedene Typen müssen miteinander auf engstem Raum auskommen: im obersten Stock eines leerstehenden Berliner Plattenbaus. Der Ausgang wurde vermauert - und zwar von Oliver (Samuel Finzi), der sich aus Einsamkeit eine Familie zusammengeklaut hat: eine „Mutti“ (Nina Kronjäger), eine „Tochter“ (Anna Maria Mühe), einen „Sohn“ und ein „Baby“, eine „Oma“ (Margot Nagel) und einen „Opa“ (Harald Warmbrunn), denen er ein Schildchen an die Brust heftet, das ihre Funktion ausweist. Sie sollen nun bitteschön mit ihm Vater, Mutter, Kind spielen. Natürlich weigern sie sich.

Die Idee ist aberwitzig,– ihre Ausführung problematisch. Denn die Komik des Familienspiels beißt sich immer wieder mit der Angst der Eingesperrten und dem Wahnsinn Olivers, die besser in einen Entführungsthriller passen würden. Der Film changiert zwischen Drama und Absurdität, ohne sich für eine Richtung zu entscheiden. So erwachen zu Beginn „Mutti“ und „Oma“ mit betäubungsmittelschwerem Kopf in der heruntergekommenen Wohnung, lugen zitternd durch den Türspalt -– und wundern sich, bevor sie sich mit Möbelstücken bewaffnen, über den behaglichen Duft nach frischem Kaffee.

Da Flucht zunächst unmöglich scheint, muss die etwas andere Patchworkfamilie sich arrangieren, miteinander und mit den Familienregeln ihres durchgeknallten Oberhauptes, das bei Verstößen Essen und Wasser rationiert. Dabei kommen nicht nur die einzelnen Macken zum Vorschein, die das Zusammenleben erschweren, sondern auch die Probleme, in denen die „Familienmitglieder“ außerhalb der Mauer gefangen waren. Die snobistische „Mutti“ ist Alkoholikerin, seit sie durch eine Krankheit unfruchtbar wurde, und wird von ihrem Mann betrogen. „Tochter“ ist ein Straßenkind. „Oma“ lebt in Sinnlosigkeit, seit sie von ihrem Posten als Leiterin eines Altenheims weggemobbt wurde. Der Altkommunist „Opa“ hatte sich seit der Wende verbarrikadiert, um den von ihm verdammten Kapitalismus nicht mitmachen zu müssen, und seine Tochter verstoßen, die im neuen System ihr Glück suchte. Ost und West, Bürgertum und Obdachlose –- besser hätten die Big - Brother -Produzenten die Gegensätze auch nicht casten können.

Im Container gab es Einzelinterviews zur Lage. So ähnlich sieht es auch aus, als Oliver alle „Familienmitglieder“ vortreten lässt, um sich vorzustellen – eine von vielen theaterähnlichen Situationen, in denen sich das Gespielte des Zusammenlebens widerspiegelt. Die Hawaii-Tapete und die mit Kerzen gedeckte Tafel wirken wie Kulissen, die Einheitsjogginganzüge für alle wie Kostüme. Das verleiht dem Film eine Künstlichkeit, die sich aber mit dem Tiefsinn bricht, der zwischendurch anklingt. Denn in der Familien-WG sollen, nach Olivers Vorstellung, alle zu sich selber finden und ihr Leben überdenken. Sie sollen es drinnen besser haben als draußen.

Es ist leider schwer, sein Anliegen ernst zu nehmen, auch wenn nach den vorprogrammierten Konflikten in der Weihnachtsnacht tatsächlich die Liebe Einzug ins Familiengefängnis hält. Das liegt daran, dass nie geklärt wird, welche Geschichte hinter dem kauzigen Oliver steckt; sein Charakter löst sich am Ende in Absurdität auf, anstatt greifbar zu werden. Damit hat auch sein Darsteller Samuel Finzi zu kämpfen, dessen Komik, wie der gesamte Film, ein bisschen in der Luft hängen bleibt.

Marc Meyer: "Wir sagen Du! Schatz."
Deutschland 2007, 97 Minuten.
Kinostart: 1. November 2007