DIE ZEIT: Der Lindgren-Boom in Deutschland scheint ungebrochen – gerade bringt der Oetinger-Verlag eine Jubiläumsausgabe in Millionenauflage an die Leser. Was reizt heute an Lindgren?

Birgit Dankert: Außerhalb Schwedens ist Astrid Lindgren in keinem anderen Land so beliebt wie in Deutschland. Das hat interessante Gründe. Zunächst füllten ihre Bücher ein Vakuum, das in der Kinderliteratur durch den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg entstanden war. Dann machten sie mit Genres vertraut, die nicht zur Tradition der deutschen Kinderliteratur gehörten, für die es auf dem deutschen Markt auch keine Konkurrenz oder Alternative gab und schließlich erfüllten sie perfekt den Traum einer aufgeklärten Elterngeneration vom liberalen Kinderparadies. Astrid Lindgrens Bücher dienen als Projektionsflächen unterschiedlicher Kindheitsmodelle. Seit den siebziger Jahren ist sie von der Autorin der Antiautoritären und der Frauenbewegung zur Protagonistin eines Werte-orientierten, nachhaltigen Erziehungsprozesses durch Literatur mutiert. Offensichtlich finden viele in ihren Texten gerade die Botschaft, die sie suchen!

ZEIT: Was ist das größte deutsche Missverständnis in Bezug auf Astrid Lindgren?

Dankert: Es gibt ja auch fruchtbare Missverständnisse. Das deutsche Missverständnis, die Bücher Astrid Lindgrens seien so etwas wie ein Eins-zu-Eins-Abbild ihrer vermeintlich wunderbaren ländlichen Kindheit und ergo sei eine solche Kindheit Realität, übersieht zwar die geniale Sublimierungsfähigkeit der Autorin, hat aber nun schon drei Leser-Generationen glücklich gemacht und ihnen große Literatur vermittelt.

ZEIT: In einem Vortrag haben sie der Autorin eine ungeheuer intensive Persönlichkeit bescheinigt, die fast ans Borderlinehafte grenzte. Das entspricht nicht unserem Bild von der fröhlichen alten Dame. Welchen Schmerz, welche Tragik übersehen wir gern bei Lindgren?

Dankert: Das kann ich nur vermuten, nicht beweisen, denn die Lindgren-Biographie ist der Öffentlichkeit ja nur auszugsweise bekannt. Ich glaube, dass die Mutterrolle für sie ein sehr ernstes Problem war. Sie hatte eine starke und tüchtige Mutter, die für sie immer eine Respektsperson blieb. Diesem Vorbild konnte sie nicht gerecht werden. Sie muss sich als Mutter ihres Sohnes lebenslang schuldig gefühlt, den gesellschaftlichen Anforderungen an Mutterpflichten gewissermaßen auch getrotzt haben, weil ihr Kindheit einfach näher war. Das alles spielte sich in einem ganz und gar bürgerlichen Lebenslauf ab. Erst als alte Frau hat sie mit der Mutter von Ronja Räubertochter in ihrem letzten Kinderroman literarisch ihren Frieden mit dem Thema "Mutter" machen können.