Erst kam die Sensation, dann der Skandal - und schließlich die Leere: Nachdem sich das gelungene therapeutische Klonen von menschlichen Embryonen als der bislang übelste Betrug in der Wissenschaftsgeschichte entpuppt hatte, war es still geworden um die klonende Stammzellforschung. Einen Fall wie jenen des koreanischen Klonfälschers Hwang Woo Suk wollte niemand noch einmal erleben, mit Erfolgsnachrichten oder gar Durchbruchsmeldungen hielt man sich in diesem Feld seither zurück.

Bis jetzt. Mit beherztem Paukenschlag hat ein Wissenschaftsmagazin am Mittwoch die Stille durchbrochen. In einer völlig überraschenden Sonderveröffentlichung verkündet Nature , dass es Wissenschaftlern von der Oregon Health and Science University nun erstmals gelungen sei, Primaten - genauer: Rhesusaffen - zu klonen. Aus den geklonten Embryos habe das Team zwei Linien embryonaler Stammzellen (ES-Zellen) gewonnen - Zellen, die so unreif sind, dass sie noch jedes gewünschte Gewebe des erwachsenen Körpers bilden können.

Das ist zwar nicht ganz so überwältigend, wie es das Klonen menschlicher Embryos und der entsprechenden ES-Zellen gewesen wäre. In solche humanen Zellen setzt die Medizin große Hoffnungen, weil sie von Patienten selbst gewonnen werden könnten, und als Transplantat keine Abstoßung hervorriefen. Kranke Nerven, Herzmuskeln, Leberlappen - für all das wäre mithilfe des therapeutischen Klonens passender Ersatz greifbar, und zwar unbegrenzt.

Aber so nah wie jetzt ist die Stammzellforschung ihrem klinischen Ziel eben noch nicht gekommen. Obwohl Mäuse und Ratten heute in Serie geklont werden, das Klonschaf Dolly längst Legende ist, und betuchte Katzenfreunde in Kalifornien schon Klone ihrer verstorbenen Lieblinge kaufen: Der Affe als nächster Verwandter des Menschen ließ die Klonforscher beharrlich scheitern. Pikanter Weise war es ausgerechnet Hwangs amerikanischer Verbündete Gerald Schatten, der sich mehrfach an Affen versuchte und mangels Erfolg schließlich behauptete, das Klonen von Primaten sei unmöglich.

Das Verfahren, mit dessen Hilfe Shoukhrat Mitalipov und sein Team die Affenhürde nun endlich überwunden haben, ist dabei nicht mal neu. Es ist dieselbe Methode, die vor elf Jahren Klonschaf Dolly aus dem Reagenzglas verhalf: der sogenannte somatische Zellkern-Transfer. Aus einer Eizelle wird zunächst der Kern mit dem mütterlichen Erbgut entfernt. An dessen Stelle pflanzt man dann den Zellkern einer erwachsenen Körperzelle ein. Bei Dolly war das der Kern einer Euterzelle. Da erwachsene Zellen in ihren Kernen noch immer den kompletten genetischen Bauplan eines Lebewesens enthalten, kann die Zellflüssigkeit der Eizelle das erwachsene Erbgut wieder auf den Nullzustand programmieren.

Die Erfolgsquoten für dieses Standardverfahren unterscheiden sich allerdings deutlich. Schuld daran ist die Biochemie. Jede Spezies benötigt eine bestimmte Mischung an Faktoren und Botenstoffen für ihre Embryos, auch in der Flüssigkeit, in der sich der winzige embryonale Zellhaufen entwickeln soll. Wie dieser Mix für Primaten zusammengesetzt sein müsste, blieb lange Zeit ein Rätsel. Im Juni veröffentlichte Mitalipov eine Arbeit, die des Rätsels Lösung vorwegnahm: Er hatte die Faktoren gefunden, mit deren Hilfe der Kerntransfer auch in Primateneizellen klappte. Auf einem Kongress im selben Monat ließ er durchblicken, dass ihm auch die Gewinnung von Stammzellen gelungen sei.

Aus winzigen embryonalen Zellhäufchen eines Primatenklons die begehrten Stammzellen zu gewinnen, bleibt trotz allem schwierig: Für zwei ES-Zelllinien verbrauchten Shoukhrat Mitalipov und seine Mitarbeiter 304 Eizellen von 14 Affenweibchen - ähnlich viele Eizellen hatten Keith Campbell und Ian Wilmut benötigt, um Dolly zu schaffen. Und die war immerhin ein reproduktiver Klon, ein Klon, der sich in eine Gebärmutter einnisten und weit über das frühe Zellhäufchen hinweg zum ausgewachsenen Bergschaf entwickeln musste.