Die Erde ist ständig unter Beschuss. Partikel und Lichtblitze dringen in die Lufthülle ein, legen auf der Erde Stromnetze lahm oder zerstören im All die empfindliche Elektronik von Satelliten. Den Schuldigen hat die Wissenschaft längst ausgemacht: die Sonne. Die meisten der Geschosse stammen aus ihrer heißen Hülle. Aber nicht alle. Einige wenige Teilchen kommen aus bisher unbekannten Quellen. Ausgerechnet sie sind die energiereichsten und gefährlichsten. Nun scheint sich das Geheimnis zu lüften: Es sind offenbar gigantische schwarze Löcher, weit entfernt von der Milchstraße, die die energiereichen Geschosse auf Höchstgeschwindigkeiten Richtung Erde beschleunigen. Um das herauszufinden, mussten Scharen von Physikern dorthin gehen, wo sonst kaum ein Mensch ist: in die endlosen Weiten der südamerikanischen Steppe.

Hans Klages rast über den argentinischen Highway 184. Sein Wagen zieht eine Staubschleppe hinter sich her – der Highway ist eine Schotterpiste. Vorbei an Kuhherden und dürrem Gras führt sie mitten durch die Pampa. Klages biegt in einen Feldweg ein und stoppt vor einer Tonne aus gelblichem Kunstharz, knapp vier Meter dick und schulterhoch. Aus dem Deckel ragen eine Solarzelle und ein Funkmast; sie lassen das Ding wirken wie ein notgelandetes Billig-Ufo.

„Dieser Tank enthält zwölf Tonnen hochreines Wasser und misst kosmische Strahlung“, erklärt der Physiker. Die Tonne ist eine von 1600, schachbrettartig verteilt auf ein Areal größer als das Saarland. Seit 2004 nimmt das „Pierre-Auger-Observatorium“ in Argentinien Daten – auf der Suche nach den hochenergetischen Rasern in der kosmischen Strahlung. Die vielen Tanks sind nötig, denn die Hochgeschwindigkeits-Partikel sind anders kaum zu identifizieren. Nur einmal in 100 Jahren schlägt einer auf einem Quadratkilometer Erde ein.

Schießt kosmische Strahlung durch das Wasser in einem der Tanks, leuchtet es schwach auf. Sensoren registrieren das Licht, ein Mobilfunk-Sender schickt die Signale zu einem Rechner, der rekonstruiert, aus welcher Himmelsrichtung das kosmische Teilchen kam und wie energiereich es war. Erst wenn mehrere der Plastiktonnen in ihrem Inneren geisterhaft glimmen, ist klar, dass sich soeben ein Teilchen aus der Tiefe des Universums in der Pampa bemerkbar gemacht hat – und nicht ein gewöhnliches Sonnenteilchen.

Denn die energierreichen kosmischen Teilchen reißen in der Lufthülle der Erde Abermillionen anderer Partikel mit – es bildet sich eine ganze Teilchenlawine, die sich am Erdboden über eine Fläche von bis zu einem Dutzend Quadratkilometern ausbreitet. Je schneller und energiereicher das Teilchen aus dem All, desto größer das Stück Pampa, das von der Partikeldusche getroffen wird. Darum das riesige Arsenal mit Detektoren.