Benasir Bhutto steht unter Hausarrest. Das ist keine Überraschung. Der pakistanische Machthaber, Pervez Musharraf, fürchtet die populäre Oppositionspolitikerin, genauer: Er fürchtet die Straße. Nachdem Muscharraf am vergangen Samstag den Ausnahmezustand über das Land verhängt hatte, schwieg Bhutto tagelang. Sie wägte ihre Chancen ab. Immerhin hatte sie mit Musharraf monatelang verhandelt und ein Abkommen über eine Machtteilung erreicht. Es sah so aus, als wäre Musharraf bereit, die Uniform abzulegen und Pakistan auf den Weg der Demokratie zu bringen.

Fast eine Woche nach der Verhängung des Ausnahmezustandes entschied sich Bhutto für einen Konfrontationskurs und rief ihre Anhänger zu Massenprotesten auf. Den Beteuerungen des Generals, er wolle die Wahlen in Pakistan bald durchführen, glaubt sie nicht mehr. Sie traut ihrem Verhandlungspartner nicht. An diesem Freitag sollten die erste Protestversammlungen in Rawalpindi und der Hauptstadt Islamabad beginnen. Aber Bhutto sitzt in ihrem Haus, umstellt von Hunderten von Polizisten. Ein Fluchtversuch scheiterte.

Das ist eine sehr gefährliche Entwicklung. Bhutto sollte nämlich – und könnte wahrscheinlich – als eine Art Sprungbrett für einen ehrenhaften Abgang Musharrafs dienen. Aber er hat diese Chance verstreichen lassen, vielmehr hat er sie brüsk zurückgewiesen. Damit beraubt er sein Land einer der wenigen verbliebenen Möglichkeiten, einen politischen Ausweg aus der Krise zu finden. Gleichzeitig treibt er Pakistan weiter in die internationale Isolation. Bhutto ist die Favoritin der USA. Sie haben ihren Deal mit Musharraf nach Kräften gefördert — und der General stößt sie vor den Kopf.

Die Frage ist, wohin das alles führen soll. Entscheidend wird sein, ob die Anhänger Bhuttos zu Hunderttausenden – so wie sie es angekündigt hatte – auf die Straße gehen werden. Sollte es bei Demonstrationen zu Gewalt kommen, könnte die Lage außer Kontrolle geraten. Möglich ist auch, dass Musharrafs harte Hand sich durchsetzt und nach einigen Tagen eine relative Ruhe im Land eintritt. Die Lage ist offen.

Nur eines ist sicher: Die radikalen Islamisten werden die Profiteure dieser Auseinandersetzung sein. Während Musharraf und Bhutto sich gegenseitig neutralisieren, stoßen die Fanatiker in das politische Vakuum vor, das dadurch entsteht. Die Botschaft, die sie dem pakistanische Volk geben, lautet: "Bhutto und Musharraf, beide, sind Büttel der USA. Und beide schaden Pakistan." Dieses Argument wird Wirkung haben.