Fußball ist bekanntlich ein wichtiger Bestandteil des italienischen Gesellschaftslebens. Und so ist er auch ein Instrument für politische und wirtschaftliche Auseinandersetzungen. Silvio Berlusconis politische Karriere beispielsweise wäre ohne die strahlenden Erfolge seines AC Mailand nicht möglich gewesen. Die Misswirtschaft von Industriekapitänen wie Calisto Tanzi (Parmalat), der die Aktienmehrheit des Provinzklubs AC Parma übernahm und mit Millionensummen Einsatz zu einem europäischen Spitzenklub machte, wäre ohne die Fußballsiege Parmas sofort aufgeflogen. Am Ende legte er mit einem Verlust von über 25 Milliarden Euro die größte Pleite der italienischen Geschichte hin. Karrieren von Parvenüs wie die von Lazio-Präsident Claudio Lotito wären ohne das plötzliche Fußballengagement, das sie ind nationale Rampenlicht katapultierte, undenkbar gewesen.

Dass nun der versehentliche Tod des 28-jährigen römischen Lazio-Anhängers Gabriele Sandri auf der Autobahntankstelle Badia al Pino nahe Arezzo ein Fanal des wiedererstarkten Rechtsextremismus ist, will in Italien jedoch kaum jemand zur Kenntnis nehmen. Dabei ist gerade von Rom ausgehend der Rechtsextremismus durch den Fußball salonfähig geworden. Die Lazio-Fangemeinde scheint ohnehin ein Gradmesser der Volksbefindlichkeit zu sein. Es ist ein „Segreto di Pulcinella“, ein offenes Geheimnis, dass insbesondere die Lazio-Anhänger von Rechtsextremen unterwandert sind. Dieser "Irriducibili" genannten Gruppierung gehört beispielsweise Ex-Lazio-Idol Paolo di Canio an. Di Canio pflegte im Fußballstadion gegenüber seiner „Irriducibili“-Fangemeinde offen den faschistischen Gruß, wenn die Lazio-Mannschaft spektakuläre Siege davontrug.

Es ist auch bekannt, dass die Ex-Frau des Chefs der Nationalen Allianz, Daniela Fini, zu Spielern und Funktionären von Lazio-Rom ein fast inniges Verhältnis pflegte. Der Klub gehörte fast zu ihrer Familie. Wenn die Fußball spielende Frau irgendwelche Wehwehchen hatte, suchte sie etwa die Physiotherapeuten des Klubs auf. Natürlich unterhielt sie auch zu den Anführern der „Irriducibili“ glänzende Kontakte. Seine Passion für den römischen Klub der einfachen Leute wurde auch Gianfranco Fini selbst förderlich, als er vom deklarierten Neofaschisten zum Rechtsdemokraten mutierte. Und die Macht der „Irriducibili“ in der Kapitale nahm noch mehr zu, als die Nationale Allianz dann eine tragende Stütze der Berlusconi-Regierung wurde.

Durch Finis Vermittlung gelang es dem heutigen Präsidenten Claudio Lotito, vor einigen Jahren die Aktienmehrheit des bankrotten Klubs zu übernehmen. Unterstützt wurde er durch Francesco Storace, ein früheres Mitglied der Nationalen Allianz, der eine Zeit lang Präsident der Region Latium und dann Minister in der Berlusconi-Regierung war. Jetzt hat Storace seine eigene Rechtspartei (La Destra) gegründet. Dessen Anhängerschaft begrüßte Silvio Berlusconi auf dem Kongress am Wochenende übrigens mit faschistischen „Duce“-Rufen. Eigentlich ein Straftatbestand, den aber kaum jemand zu stören schien. Im Gegenteil. Man fasste die Rufe beinahe als „normal“ auf. Bemerkenswert auch, dass der Vorfall von den TV-Stationen und den anderen Medien aufgegriffen und ausgestrahlt wurde.