Der Wind pfeift eisig an diesem Morgen, der Asphalt der Reeperbahn glänzt vom Regen der letzten Nacht. Es ist kurz vor elf, letzte Nachtgänger torkeln aus den Kneipen der U-Bahn entgegen, sonst ist es ruhig auf dem Kiez. Nur von einem kleinen Platz am Rande der Amüsiermeile tönt Musik. Wenn man näher kommt, sieht der Platz ein wenig aus wie eine Insel, die soeben feindlich übernommen wurde: Rot-weiße Fahnen wehen im Hamburger Morgenwind, aus den Boxen bläst ein lustiger Marsch.

Ein älterer Mann mit Schirmmütze bleibt kurz stehen. Er schaut seine Frau an, die neben ihm geht, gemeinsam schauen sie rüber zur Insel. "Ach, Gottchen", sagt der Mann nach einer Weile.

Es ist der 11. 11. in Hamburg, wenige Minuten vor Karnevalsanfang. Rund 150 Menschen haben sich auf dem Spielbudenplatz im Hamburger Stadtteil Sankt Pauli versammelt, zwischen Sex-Shops, Davidswache und McDonald's, abgeschirmt von zwei grauen, gegenüberliegenden Bühnen. Sie sind als Clowns gekommen oder als Matrosen, als Cowboys oder im Dirndl. Die meisten von ihnen sind im Rheinland geboren, irgendwann hat es sie in den Norden verschlagen. Sie stehen zusammengedrängt zwischen Bierbuden, wo es Kölsch für drei Euro das Glas zu kaufen gibt, angewärmt von Heizpilzen. Und warten auf den Karneval.

Gertrud Oehlert hat sich ein rotes Herz ins Gesicht gemalt und Teufelshörner aufgesetzt, die im Takt mitwippen. Sie ist vor 30 Jahren hergezogen, davor lebte die 57-Jährige in Köln. Übermäßig karnevalistisch war sie nie, aber wenn man sie fragt, warum sie heute hier ist, sagt sie: "Es ist eben ein Stück Heimat."

Neben ihr, im Bierwagen, zapft ein Clown. Ein Typ mit Porschebrille, Hosenträgern und Trainingsanzug mimt den Proleten, aus den Boxen dröhnt "Viva Colonia", Oehlert nippt an ihrem Bier. "Wenn ich die Musik höre, ist es immer gleich", sagt sie, "da braucht es nicht lang, dann ist die Pumpe an." Zwei Freundinnen hat sie im Schlepptau, eine aus der Schweiz, eine aus Holland, jetzt wird geschunkelt. "Blootwoosch, Kölsch und e lecker Mädche", schallt es, und wenn die Pumpe bei Gertrud Oehlert bisher noch nicht an war, dann ist sie es jetzt. Von einem Bein wippt sie auf das andere, tanzt und hält sich an ihrem Kölsch fest, das an diesem Morgen kalt in der Hand liegt. Aber was soll’s, bald ist Karneval.

Vorne auf der Bühne tritt ein Mann im Kreuzritter-Kostüm ans Mikrofon und zählt den Countdown. "Noch zehn Sekunden", ruft er und das Publikum zählt mit, bis die Uhren endlich 11:11 zeigen, dann ist offiziell Karneval. Köln ist in diesem Moment sehr nah, man hat das Gefühl, über den 150 Köpfen schwebt der Gedanke an rappelvolle Plätze, an riesige Bühnen und singende Massen, an eine Stadt, die sich am liebsten selbst feiert, vor allem jetzt in diesem Moment, über 400 Kilometer entfernt. Bei null ist es so weit. "Kölle Alaaf. Hamburg Alaaf", ruft der Kreuzritter. Dann verlässt er die Bühne. Die Musik setzt wieder ein. Es ist wirklich fast wie daheim. Frau Oehlert wirft ihren Nachbarn Luftschlangen um den Hals.

Wenn man sich umschaut, ist es ein wenig so, als ob die Menschen ein paar Dinge hinüberretten wollten in ihr neues Zuhause, das nicht so recht ihres ist. Der Kölner Karneval besteht aus Ritualen, die immer gleich sind, man kann sie mit auf Reisen nehmen und sie überall anwenden. Es gibt den Karneval mittlerweile in vielen Städten, etwa in Berlin, wo besonders viele Bundesbeamte nach dem Regierungsumzug Sehnsucht nach den "tollen Tagen" vom Rhein entwickelten. Man kann überall schunkeln und Kölsch trinken, aber irgendwie ist es nicht das Gleiche.