Seinen Anspruch als Schriftsteller hatte Norman Mailer einmal so formuliert: "Ich schreibe, weil ich zu den Menschen durchdringen möchte und dadurch die Geschichte meiner Zeit ein wenig beeinflussen will". Tatsächlich ist ihm dies mit seinen 32 Büchern und zehn Drehbüchern, bei deren filmischer Umsetzung er in vier Fällen selbst Regie führte, eindrucksvoll geglückt.

Denn neben einstigen literarischen Weggefährten wie Ernest Hemingway, Tennessee Williams oder Henry Miller zählte der am 31. Januar 1923 in Long Branch, New Jersey als Norman Kingsley Mailer geborene Autor bis zuletzt zu den einflussreichsten US-Autoren der Moderne. Bereits Mailers erster Auftritt auf der literarischen Bühne 1948 glich einem Paukenschlag: Sein erster und bis heute erfolgreichster Roman "Die Nackten und die Toten", in welchem der Sohn litauisch-jüdischer Einwanderer seine Erfahrungen als Soldat im 2. Weltkrieg schilderte, avancierte zum internationalen Best- und Longseller. Mailer, der seine Militärzeit in Japan und auf den Philippinen zubrachte und ursprünglich mit der Laufbahn des Flugzeugingenieurs liebäugelte, ehe er den Beruf des Schriftstellers ergriff, schuf mit diesem Buch ein kühles Meisterwerk, das den Krieg und seine Wirren in bisweilen schneidend klaren Bildern bannt.

"Am schwierigsten ist der Roman", bekannte Mailer einmal, der sich nicht nur mit weitere Romanen wie "Der Hirschpark", "Heere der Nacht" oder "Am Rande der Barbarei" den Ruf eines literarischen Schwergewichtlers erschrieb, sondern auch als Autor von Reportagen für Magazine wie den "Playboy", "Esquire" oder "Village Voice" für Furore sorgte. Als Interviewer war der Mann mit dem am Ende schlohweissen Wuselhaar und kantigen Zügen bis zuletzt gefürchtet. Der Freizeitboxer, der sich selbst einmal als Vertreter einer aussterbenden Spezies bezeichnete, hegte stets ein besonderes Interesse am Blick hinter die Fassade.

Das Resultat seiner Lust an der Entdeckung waren unter anderem Monographien über Zeitgenossen wie Picasso, Muhamed Ali, Marilyn Monroe oder den vermeintlichen Kennedy-Mörder Lee Harvey Oswald. Mailer verstand es auf faszinierende Weise, den Porträtierten neue, bislang unbekannte Facetten ihres Wesen abzugewinnen. "Es war für mich immer eine Herausforderung, über Menschen zu schreiben, die besser waren als ich selbst. Mutiger, schöner, grösser. Oder geheimnisvoller", erläuterte Mailer einmal sein Schaffen als Biograph.

Er tat es mit Inbrunst und zorniger Entdeckerlust. Wo andere sich mit der Abbildung der jeweiligen Person begnügten, grub Mailer tiefer: Was ihn interessierte, waren jene Risse oder Brüche in der Biographie eines Menschen, die ihn aus der Masse herausheben und zugleich exemplarisch machen.

So verlief das Leben des passionierten Menschenbeobachters, der zwei Mal den Pulitzer-Preis erhielt und zweimal erfolglos für das Amt des Bürgermeisters von New York kandidierte, zeitlebens im Dickicht der Worte; dort, wo sich aus Sätzen mitunter unbequeme Wahrheiten destillieren lassen und es – so sagte Mailer einmal – "im Bestfall so still wie in einer Kirche ist." Doch Schreiben hiess für den Vielschreiber stets "schuften, harte Arbeit".