Alles ist verbunden und hängt voneinander ab – das gilt für Unternehmen und Menschen in einer globalisierten Welt, insbesondere aber für Schienennetze. Dass diese Wasserrohren ähneln, konnte man bereits beim jüngsten Streik der Lokführer beobachten, als in Süddeutschland keine Ware ankam, weil die Streikenden in Hamburg-Maschen einen Korken in die Leitung pressten.

Das ist hingegen nichts gegen das, was sich zwei US-Autoren Mitte der Fünfziger ausdachten, nachzulesen in Dokument AD093458 der RAND Corporation, eine Denkfabrik, die nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurde, um die amerikanischen Streitkräfte zu beraten. Lange Jahre unter Verschluss, ist es seit 1999 frei im Netz verfügbar. Es zeigt, wie man ein Schienennetz mit nur einem einzigen Eingriff, einem minimal cut , stilllegt, und zwar nicht irgendeines, sondern weite Teile des sowjetischen Bahnsystems.

Verfasst haben das Papier der Mathematiker Ted Harris und der frühere US-General F.S. Ross. Beide arbeiteten 1955 für RAND. Ross war während des Zweiten Weltkriegs bei einer Transporteinheit in Osteuropa stationiert und kannte das sowjetische Schienennetz aus Erfahrung. Harris hatte Mathematik in Princeton studiert. Gemeinsam rechnen sie in dem 40 Seiten starken Dokument der USA vor, wie man den Schienenverkehr zwischen der früheren Sowjetunion und ihrer Satelliten in Osteuropa kappen könnte – mit nur einem Schnitt, der möglichst minimal sein sollte.

Der Plan war gedacht für den Ernstfall: 1955, als Ross und Harris sich ans Werk machten, lief der Kalte Krieg gerade heiß. Als Gegengewicht zur Nato gründete sich der Warschauer Pakt, die zwei Machtblöcke in Ost und West verfestigten sich. Washington suchte nach einer strategischen Option, um die Satellitenstaaten von Moskau zu trennen. "In jedem möglichen Krieg wäre das Schienennetz in Osteuropa ein wichtiges Ziel", schrieben die beiden Autoren. Diesen Angriff vorzubereiten war das Ziel von Dokument AD093458.

Ross und Harris nummerierten zuerst die Bahnhöfe und Verladebasen und zählten die Züge, die täglich zwischen ihnen pendelten. Sie verließen sich auf Daten der CIA, die das sowjetische Terrain fotografiert hatte. Das vereinfachte Netz, das sie schließlich zu Papier brachten, spannte sich von Moskau bis nach Ost-Berlin: 44 Einheiten, verbunden durch 104 Linien. Alleine diese Arbeit muss Monate gekostet haben.

Harris und Ross interessierten sich sodann für die Hauptadern der Ost-West-Route. Sie fanden heraus, dass die Sowjets mehrere Hauptverbindungen von Moskau in die Satellitenstaaten nutzten. Über einige von ihnen schickte die Sowjetunion streckenweise bis zu 65.000 Tonnen Material täglich. Diese Verbindung galt es zu kappen, nur stellte sich die Frage: an welcher Stelle? Die Antwort, die sie sich ausdachten, war neu: Es galt die Trassen an ihrer engsten Stelle zu unterbrechen.