Am Dienstag stand der deutsche Schüler Marco Weiss, der bereits sieben Monate in der Türkei in Untersuchungshaft sitzt, erneut vor dem Richter. Die türkischen Anwälte Marcos, der während eines Urlaubsaufenthalts in Antalya ein 13-jähriges englisches Mädchen sexuell missbraucht haben soll, hofften darauf, dass er auf freien Fuß gesetzt wird. Doch nun ist der Prozess gegen den 17-jährigen Realschüler aus Uelzen erneut vertagt worden. Die Wahrscheinlichkeit, dass er schnell freikommt, ist nicht hoch.

Da ist zum Ersten das total verfahrene Verhältnis zwischen der deutschen und der englischen Familie. Die Mutter der 13-jährigen Charlotte M. fühlt sich von der deutschen Presse angeschwärzt und weist jede Bitte um ein Gespräch mit den Eltern Marcos zurück. Sie will auch nicht, dass ihr Kind vor Gericht erscheint und die Beschuldigungen untermauert.

In ihrer neuen Aussage, welche sie bei der britischen Polizei abgab, sagt die 13-Jährige, Marco habe sie nicht nur einfach belästigt, sondern wollte sie im Schlaf vergewaltigen. Zwar kann die Aussage allein noch nicht zum Schuldspruch führen – der Kläger muss sich auch den Fragen der Verteidigung stellen. Doch dafür, Marcos U-Haft noch einmal zu verlängern, reichen die Schilderungen allemal.

Da ist zum Zweiten die nationale Ehre, in welcher sich viele Türken durch die sofortige Einmischung der großen deutschen Politik ganz schwer getroffen fühlen wollen. Wie "Kolonialherrscher" hätten sich der Außenminister Deutschlands und sein Kollege für Verteidigung dem türkischen Staat gegenüber aufgeführt, der doch keine "Bananenrepublik" sei. Sowohl der alte auch der neue türkische Minister für Justiz zeigten sich über Bitten, den Schüler in die Bundesrepublik zu überstellen, so empört, als sei der Fall ein Prüfstein für die Unabhängigkeit der türkischen Justiz.

Die türkische Presse goss währenddessen ständig Öl ins Feuer. Für Massenblätter wie Vatan und Zaman ist Marco Weiss längst schuldig gesprochen. Viele Internetwebsites verbreiten genau die gleiche Botschaft. "Mensch, ein Deutscher fickt eine Engländerin, und wir müssen die Sache ausbaden", schrieb der bekannte Kolumnist Hasan Pulur, und Fikri Saglar, ein früherer Kulturminister, meinte: "Dass wir die Ehre ungläubiger Kinder schützen, belastet jetzt unser Verhältnis zur EU."