Die 39-jährige Jasmin, zweifache Mutter, war von ihrer eigenen Mutter bei Zärtlichkeiten mit ihrem Liebhaber ertappt worden. Die Reaktion war ein Zusammenbruch. Jasmin erzählt: „Meine Mutter lag in ihrem Bett, hatte die Füße hochgebettet und überwachte ihren Zustand mit einem Blutdruckmessgerät. Die Augen hielt sie geschlossen. Auf ihrem Nachttisch lagen Valium-Tabletten. Sie wirkte, als hätte ihr letztes Stündlein geschlagen. Es dauerte lange, bis ich ihr erklärt hatte, warum, wieso, weshalb das geschehen war.“

Nun könnte man meinen, Jasmins Mutter sei einfach altmodisch. Aber denken Sie an Ihre eigene Mutter. Stellen Sie sich vor, Sie würden erfahren, dass sie zur Zeit eine heimliche Affäre unterhält oder vielleicht damals einen Liebhaber hatte, als Sie selbst noch ein Kind waren. Mütter, die fremdgehen, verletzen eines der wenigen noch geltenden Tabus.

Eine Mutter, die emotionale und erotische Wünsche und Träume mit einem fremden Mann in die Tat umsetzt – diese Vorstellung passt nicht zu dem, was die meisten von uns erwarten. Denn die Mutter gilt nach wie vor als das Zentrum des Systems Familie. Sie hält zusammen, umsorgt Kind und Mann und vermittelt zwischen allen Familienmitgliedern. Es ist bedrohlich, sich vorzustellen, sie könne sich anderen, einem Fremden zuwenden. Was passiert dann mit den Kindern? Wer opfert sich an ihrer Stelle auf? Was, wenn die Mutter weitere Kinder hätte? Stiefgeschwister? Dann würde die Position der älteren Kinder gefährdet, ihre Chancen auf Befriedigung ihrer Bedürfnisse verschlechterten sich.

Es fühlt sich so an, als würde eine Mutter, die ihren Mann hintergeht, zugleich ihre Kinder betrügen. Viele Frauen verharren deshalb unglücklich in einer schon seit Jahren lieblosen Ehe und nehmen hin, von einem gleichgültigen Partner nur noch in ihrer Funktion als Erzieherin, Köchin, Putzfrau und Dazuverdienerin wahrgenommen zu werden.

Wenn Frauen Mütter werden, geben viele ihre Identität als emotional und erotisch selbstbestimmte Frau auf. Hinzu kommt, dass selbst die Hochqualifizierten unter ihnen oft ihre finanzielle Unabhängigkeit zugunsten der Familie aufgeben: Jede zweite Mutter in einem Paarhaushalt mit Kindern unter zwölf Jahren ist nicht erwerbstätig, aber nur sechs Prozent sagen: „Ich habe das so gewollt.“ Die Berufstätigen unter ihnen haben meist einen unterbezahlten Teilzeitjob und verdienen „mit“. Dieses Gehalt würde niemals ausreichen, sie selbst und die Kinder zu ernähren.

Aus der eigenständigen Frau ist eine perfekte Mutter geworden. Sie fährt zum Babyschwimmen, liest alles über alternative Heilmethoden für Kinder, bastelt Schultüten und Laternen, dekoriert das Haus vom Keller bis zum Dach je nach Jahreszeit mit Weihnachts - oder Osterschmuck. Vielleicht arbeitet sie stundenweise im Architekturbüro im Nachbarort und hat dabei auch noch ein schlechtes Gewissen.

„Eine Mutter gehört zu ihrem Kind.“ Seit Generationen hält sich dieser Kernsatz hartnäckig im Kopf deutscher Mütter und Väter. Diese rigorose Zuweisung der Verantwortung für das physische und psychische Wohl des Kindes an die Mutter ist belastend und bewirkt, dass sie sich schuldig fühlt, sobald sich das Kind nicht wie geplant entwickelt.

Dann kommt der Tag, an dem sie feststellt, dass sie sich mit Laternen und Osterschmuck geradewegs in die Sackgasse gebastelt hat: Wenn der Wiedereinstieg in den Beruf nicht klappt wie erwartet, wenn der Partner statt mit ihr mit der kinderlosen Kollegin seine Probleme und Interessen bespricht, wenn die Kinder lieber bei ihren Freunden sind, als mit der Mama zum Spielplatz zu gehen. Freundinnen gestehen einander, dass ihr Leben ganz anders verläuft, als sie es sich einmal erhofft hatten.

Marion erzählt: „Wenn ich an die Zeit denke, die ich fast ausschließlich zu Hause, in verschiedenen Lebensmittelgeschäften und beim Kinderarzt verbracht habe, habe ich das Gefühl, dass das Leben ´draußen` bei den anderen Erwachsenen weitergegangen und meines stehen geblieben ist. Meine Welt war auf Streichholzschachtelgröße zusammengeschrumpft, ich verlor darin das Augenmaß für die Dinge. Als mir eines Tages bewusst wurde, wie ich die Handtücher im Bad über dem Handtuchhalter zurechtzog, so dass beide Säume an den Enden millimetergenau gleich weit hinunterhingen, rief ich verzweifelt weinend meine Freundin an. Eigentlich war es ein bisschen, als hätte ich eine Gefängnisstrafe zu verbüßen gehabt.“

Irgendwann fangen die Mütter an, sich an die Zeit zu erinnern, als sie noch keine Kinder hatten und entdecken, manche zaghaft-vorsichtig, andere eher trotzig-herausfordernd, dass sie nicht nur Mutter sind und nicht ausschließlich mütterliche Interessen und Bedürfnisse haben.

Schließlich begegnen viele früher oder später einem Mann, der die Schmetterlinge in ihrem Bauch wieder auffliegen lässt. Der sich für sie interessiert, der sie umwirbt und ihnen sagt, wie attraktiv sie sind. Tina beschreibt, dass es ihr wie den meisten Müttern um viel mehr geht als um aufregenden Sex: „Ich hätte nie gedacht, dass sich ein solch attraktiver Mann für mich interessieren könnte. Aber so war es. Er suchte immer wieder das Gespräch mit mir, ich merkte, dass er meine Meinung zu den Dingen und zu verschiedenen Themen ernsthaft erfahren wollte. Was ich dachte und fühlte war ihm wichtig. Ich erfuhr eine Intimität und Zärtlichkeit, die ich nie vorher kennengelernt hatte. Sven war zuverlässig und fürsorglich, er bemühte sich um mich, tat alles, um mich glücklich zu machen. Er zeigte mir, wie begehrenswert ich für ihn war, ich konnte endlich wieder spüren, wie schön sich ´Frausein` anfühlt.“

Nun beginnt der Spagat zwischen dem, was Mütter ihren Kindern zu schulden glauben, und dem, was sie selber glücklich macht. Beides ist nicht miteinander vereinbar. Bekennen sie sich zu ihren Gefühlen, wird die Familie zerbrechen. Wollen sie ihre Ehe unter keinen Umständen gefährden, dürfen sie sich natürlich keine Liebesaffäre leisten. Am liebsten möchten sie niemandem wehtun und trotzdem glücklich sein. Deshalb versuchen sie das offen nicht zu Vereinbarende heimlich zu kombinieren.

Jasmin hat nicht nur den einen Liebhaber gehabt, mit dem ihre Mutter sie erwischt hatte. Sie ist auf dem Weg, sich neu zu erfinden: „Ich musste neue, verbotene Gefühle entdecken. Es ist spannend, was mit mir passiert, aber es ist auch sehr anstrengend. Wenn ich auf die letzten Monate zurückblicke, dann denke ich oft ´Was tust du da?` oder ´Das bist du doch gar nicht, warum machst du das?` Ich erkenne mich selbst nicht wieder und bin erschrocken über mein Verhalten. Maßlos finde ich mich. Aber vielleicht werde ich jetzt erwachsen.“

Die Autorin ist Soziologin. Sie interviewte Mütter und berichtet in ihrem Buch „Mamas Lover. Wovon Mütter heimlich träumen“ über deren Lebenswirklichkeit und heimliche Lieben.