Martin U. Müller ist an normalen Tagen voll des Lobes für die Deutsche Bahn. Als Besitzer der Bahncard 100 fährt der Münchener Journalist fast täglich durch die Republik. "Die Bahn ist flexibel, stets verfügbar, gut arbeiten kann man da auch", sagt er. Jede Menge Vorteile für die Bahn. Normalerweise. Nur sind die Tage im Moment eben nicht normal.

Seit zwei Uhr in der Früh liegt der Personenverkehr in weiten Teil Deutschlands lahm, und Müller zieht keinen Vorteil mehr aus der Bahn: "Jetzt muss ich wieder langfristig planen", sagt er. "Brauche ich einen Mietwagen? Muss ich mich um ein Auto kümmern? Oder sollte ich doch besser fliegen?" Für den Dauerreisenden ein Problem, er hat die meisten Termine erstmal abgesagt. Vorsichtshalber. Bei der Bahn konnte man ihm auch nicht helfen: Als er bei der Hotline nachfragte, wann denn die von der Bahn für den Notfall geplanten Züge führen, bekam er zu hören: "Woher soll ich das denn wissen?"

Es ist Tag zwei im größten Streik der Geschichte der Deutschen Bahn – und man kann sagen, dass die Nerven gespannt sind, bei allen: Bei den Bahnmitarbeitern, bei den Reisenden, bei Pendlern, Fernfahrern, Logistikern. Quer durch die Republik geraten an diesem Tag die Tagesabläufe durcheinander, und wie immer, wenn das passiert, liegt Ärger in der Luft. An vielen Stellen – vor allem in Westdeutschland – funktioniert der Notfallplan zwar gut, viele Reisende kamen besser ans Ziel, als befürchtet. Trotzdem fuhren rund 50 Prozent der Regionalzüge in Westdeutschland nicht. In Ostdeutschland hingegen fielen nach Angaben der Bahn bis zu 85 Prozent der Regionalzüge aus.

Etwa in Berlin. Dort wollte der 26-jährige Student Daniel Peters heute früh von Berlin nach Potsdam fahren, wo er seit drei Jahren studiert. Um zehn begann sein Colloquium. Als er am Bahnhof eintraf, war ihm klar: Heute fährt nichts. "Da war nichts zu machen", sagt er. Viele Züge ins Umland fuhren gar nicht.

Vor allem Pendler wie Peters stellte der Streik heute vor einige Probleme. 15 Millionen Menschen pendeln je nach Schätzung täglich in Deutschland, viele von ihnen sind auf Züge angewiesen. Vor allem in den Grenzgebieten, etwa an der holländischen Grenze, hat die Zahl der Pendler in den letzten Jahren stetig zugenommen, alleine zwischen Deutschland und Holland sind es derzeit rund 16.000. Viele von ihnen setzten sich an diesem Morgen ins Auto – und standen auf einigen Strecken stundenlang im Stau. Besonders betroffen waren die Strecken zwischen Köln, Düsseldorf und Dortmund, die Autobahn 9 bei Holledau in Bayern, dort staute sich der Verkehr auf rund 20 Kilometern Länge.