Der Teufel hat uns auf die Idee gebracht und der Teufel ist eine Frau: Maria Becker, die gegenwärtig in der Münchner Faust -Inszenierung den Mephisto spielt - die erste Frau in dieser klassischen Rolle, die bisher Männern vorbehalten war.

Maria Mephisto, Mephista Maria: Wie wäre es, wenn wir einmal alle Männerrollen des Welttheaters freigäben zur Damenwahl? Wenn einmal nicht Regisseure (meist Männer) den Männern Männerrollen zuteilen und den Frauen Frauenrollen, wenn statt dessen Schauspielerinnen sagen: Ich möchte mal den Hamlet spielen, einmal Romeo sein und nicht immer Julia.

Eine komödiantische, eine fixe Idee: So haben die Frauen, die für diese Fotos ihren Mann standen, unserer Anstiftung zum Rollentausch auch verstanden - nicht als Karnevalsscherz, Emanzipationsübung oder Transvestitennummer. Nur Jutta Lampe von der Berliner "Schaubühne" fand den Gedanken, uns einen Mann zu mimen, "ganz absurd" und ziemlich unzumutbar.

So sehen wir denn hier, was wir auf der Bühne möglicherweise nie sehen werden: Cornelia Froboess als stoppelbärtigen Hauptmann von Köpenick, Therese Affolter als König Lear, Ingrid Andree als Bleichenwang in Shakespeares Was ihr wollt und Nicole Heesters gar als Casanova, wie ihn Fellini in seinem Film mit dem femininen Donald Sutherland prägte. "Alle Situationen Lears kann auch eine Frau erleben. Alle Gedanken Dantons trau' ich mir auch schon zu", erklärte Nicole Heesters. "Aber Casanova, der absolute Mann, das ist so ganz anders als alles, was ich je gespielt habe."

Hosenrollen können ja die verschiedensten Motive haben. Wenn Viola, als Page verkleidet, in Shakespeares Was ihr wollt für den Herzog von Illyrien den Liebesboten bei der Gräfin Olivia spielt, die sich in den Pagen Viola verliebt, die wiederum den Herzog liebt: dann dient solche Verkleidung zur Enthüllung der Personen, die Vertauschung der Hosen zur Verwirrung der Herzen, die sich am Ende glücklich wiederfinden.

Solcher allseits akzeptierter, vom Dichter sanktionierter Rollenwechsel war den Schauspielvirtuosinnen des 19. Jahrhunderts nicht genug. Wie Brunhilde sich den Recken Guther griff, so griffen die androgynen Heroinen der Bühne spielerisch nach Hamlet oder Romeo. Sarah Bernhardt, Adele Sandrock oder Asta Nielsen im Film, sie wollten zeigen: Mimisches Genie kennt keine Grenzen, schon gar keine Grenzen des Geschlechts.

Diese Tradition weist die Tragödin Maria Becker weit von sich: "Also bitte, wenn die Damen das getan haben, dann war das ihnen überlassen. Heute würde ich das für albern halten. Mein Mephisto ist kein Mann, er ist ein Geist. Mephisto will nicht mit Faust ins Bett, er will seine Seele!" Da sie partout kein Mann sei, habe sie nie damit kokettiert, Männerrollen zu spielen. Und dies, obwohl es in der Dramenliteratur längst nicht so viele glänzende Rollen für Frauen wie für Männer gibt: "Frauen haben eigentlich fast immer passive Rollen, im Theater wie im Leben."

"Da wir in einer Männergesellschaft leben, gibt's natürlich auch viel mehr Männerrollen, unverhältnismäßig mehr", sagt Ingrid Andree vom Hamburger Thalia-Theater. Als Partnerin Boy Goberts hat sie im Cyrano de Bergerac die Roxane gespielt - aber "jeden Abend gedacht, wie gerne ich den Cyrano spielen würde". Nicole Heesters bestätigt vehement: "Es sind immer die besseren Männerrollen geschrieben worden. Was gibt es, zum Beispiel, an politischen Frauenrollen?"

Der Danton wäre für Nicole Heesters eine "faszinierende Figur". Nicht umsonst hat Büchners Revolutionsheld auch Rosel Zech gereizt, die in Zadeks Bochumer Hamlet -Inszenierung den alten Polonius als "Hommage an meinen Großvater" so persönlich überzeugend und gar nicht karikierend vorführt: "Auf der Schauspielschule wollte ich immer den Danton spielen oder den St. Just, weil der so tolle Reden hält. Den Macbeth, Shakespeares große, tragische Könige, die hätte ich alle gerne gespielt!"