Die Bilder von Villiers-le-Bel sind die gleichen, die man vor zwei Jahren aus Clichy-sous-Bois sehen konnte: Jugendliche mit Kapuze im Scheinwerferlicht fordern die Polizei mit Siegeszeichen heraus, im dunklen Hintergrund brennen Autos. Unheimliche Bilder, die an eine Film-Inszenierung des Weltuntergangs denken lassen.

Die Banlieues von Paris – und nun Toulouse – werden wieder von einer Welle gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und Sicherheitskräften erfasst. Sie scheint nicht das Ausmaß vom November 2005 zu haben, doch wie damals ist ihr Auslöser der Tod zweier Jugendlicher, an dem die Polizei in irgendeiner Form beteiligt war.

Was genau in der Nacht zum Montag geschah, ist noch unklar (den letzten Stand lesen Sie in Le Monde – französische Fassung) . Im Gegensatz zu 2005 soll diesmal die Polizei nicht aktiv beteiligt gewesen sein. Augenzeugen berichteten, dass die beiden jungen Männer am Sonntagabend ohne Helm und auf einem nicht für die Straße zugelassenen Motorrad mit einem Streifenwagen zusammenstießen und tödlich verunglückten. Kurz darauf kursierten im Internet Gerüchte, in denen die Polizisten beschuldigt wurden, den Tod mitverursacht zu haben, zumindest die Erste Hilfe nicht gewährt zu haben oder gar geflohen zu sein. Andere Augenzeugen sagten allerdings aus, dass die Polizisten versuchen hatten, die Jungen zu reanimieren, erfolglos. Angesichts der zunehmenden Spannung seien sie dann von Kollegen weggebracht worden. Die Feuerwehr soll 20 Minuten später am Unfallort eingetroffen sein.

Was auch genau geschah, nüchterne Fakten spielen in den Banlieues längst keine Rolle mehr. Jedes Missverständnis kann zu Gewaltausbrüchen führen, die dann einer eigenen Dynamik folgen. Das passiert nahezu täglich, in begrenzterem Ausmaß, weshalb es von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird. Dennoch lässt sich feststellen, dass die Jugendlichen immer gewalttätiger werden. Das Misstrauen und das Hassgefühl dieser Jugendlichen gegenüber den "Bullen", die sie oft als "Schweine" bezeichnen, hat sich verstärkt. Am Montagabend wurden Polizisten mit Jagdgewehren beschossen.

Die Schwierigkeit, diese Prozesse richtig einzuordnen, besteht darin, dass die Gewalt jeglicher Ideologie, jeglicher Religion entbehrt. Zwar geht es um junge Menschen, die in ihrer überwiegenden Mehrheit aus Einwandererfamilien stammen, viele von ihnen sind Muslime. Doch ihr Glaube spielt kaum eine Rolle in diesem Protest, weder als Denkstruktur noch als Ziel.

Hinter der Gewalt steht weder eine revolutionäre Forderung noch der Anspruch, die Gesellschaft zu verbessern. Ihre Wut richtet sich nicht gegen das System, im Gegenteil, die Jugendlichen sind Teil des Systems. Sie wollen in der Konsumgesellschaft leben – bislang bleiben sie aber an deren Rand. Die Krawalle entspringen einem Gefühl von verletztem Stolz, dem Eindruck, aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Die vielzitierte Gettoisierung bedeutet, dass sich eine inzwischen kritische Masse sozial stark Benachteiligter auf kleine Viertel konzentriert und Orte des Unrechts schafft. Mancherorts haben in der Tat Geschäfte und Einrichtungen wie Postfilialen oder Arztpraxen ihre Niederlassungen und Büros aufgegeben – nicht wegen etwaiger Versäumnisse des Staates, sondern weil sie ständig angegriffen oder angefeindet wurden.