"Alles kam aus heiterem Himmel", sagt Gordon Dahlquist. "Ich trug mich damals mit vagen Ideen für ein neues Stück und ahnte nicht einmal, in was ich da hinein geraten war." Und so schrieb er das Ganze zunächst ausschließlich für sich selbst –- als eine Art Spaßunternehmen jenseits der Knochenarbeit eines Dramatikers. "Außerdem wollte das Buch anfangs keiner haben, also schrieb ich ohne Druck."

Als zu schräg und vor allem viel zu lang lehnte eine ganze Reihe von amerikanischen Verlagen Dahlquists Romandebüt ab. Doch dann rissen sich zwei Verlage um das Buch des 46-jährigen New Yorkers, und der schwedischstämmige Autor unterschrieb schließlich einen mit zwei Millionen Dollar dotierten Buchvertrag. Nun liegt das, was Dahlquist in nicht einmal einjähriger Schreibzeit hervorbrachte unter dem sperrigen Titel Die Glasbücher der Traumfresser auch auf Deutsch vor: ein in zehn Einzelbände unterteiltes Romanungetüm, das ruhelos hin- und her springt zwischen Gothic Novel, Fantasy, viktorianischem Groschenroman und Historiengemälde. Es versetzt seine Leser in ein aberwitziges Paralleluniversum, in dem ein ziemlich disparates Trio im Kampf gegen eine Geheimgesellschaft eine nicht enden wollende Schlacht um Gut und Böse schlägt. Das Resultat ist eine Art Ballett der bösen Buben oder, anders gesagt, Stoff für Fans grandioser Kolportage: anmaßend und atemlos, bilderstürmend und voller verschiedener Episoden.

"Die Niederschrift war eine echte Umstellung für mich", sagt Dahlquist, der zuvor ausschließlich Stücke verfasst hatte. An seinem Romanerstling hat sich bereits eines der großen Hollywood-Studios die Filmrechte gesichert. "Bislang habe ich immer nur Dialoge geschrieben. Nun ging es darum, zusätzlich einen stimmigen Plot zu entwickeln. Außerdem kenne ich beim Stückeschreiben immer schon das Ende, während ich bei dem Roman noch 50 Seiten vor Schluss ziemlich im Dunkeln tappte, was dessen Ausgang betraf."

Zugefallen ist Dahlquist das Ganze angeblich im Schlaf, als eine Art poetische Eingebung. "Die Geschichte ist mir als Traum erschienen", sagt er. Und seine Romanheldin Celeste Temple trat in seinem Inneren auf den Plan, während er als Geschworener an einem Drogenprozess irgendwo im Westen der USA mitwirken musste. "Alles kam wie von selbst. Die Figuren, die bedrohliche Atmosphäre, ja, sogar einige Charaktere. Ich schrieb sehr rasch das erste Kapitel, und der Rest waren erzählerische Intuition und eine Menge Spaß." Das New Yorker Cupcake Cafe hat er zu seinem öffentlichen Schreibbüro gemacht. Dort studiert er Menschen und ihre Marotten wie Forscher seltene Insekten.

Doch worum geht es in den Glasbüchern der Traumfresser ? Gordon Dahlquist hat sein stilistisches Riesenpatchwork um geheimnisvolle blaue, aus Lehm hergestellte und in unheilvolle Speichermedien umfunktionierte Glasscheiben arrangiert, mit deren Hilfe eine Gruppe skrupelloser Verschwörer ihren Opfern die Träume und Erinnerungen aussaugen. Ihre Beute halten sie in diesen sogenannten Glasbüchern fest. Denn, so Dahlquists nicht eben tiefschürfende Botschaft: Wer die Fantasie der Menschen besitzt, besitzt die Macht. Und so lautet das Ziel der finsteren Erinnerungsdiebe denn auch: Weltherrschaft um jeden Preis.

Die Geschichte ist ein großes, undurchsichtiges Maskenspiel mit ständig wechselnden Koalitionen, sodass dem Leser lang unklar bleibt, wer da eigentlich mit wem gegen wen an welcher Front um welchen Preis die Klinge kreuzt. Gefochten indes wird in diesem Buch nahezu unentwegt. Kein Wunder: Der Autor selbst übt regelmässig die Fechtkunst – mit selbstgebasteltem Degen in einem Park am New Yorker East River, jeden Sonntagvormittag. "Da lag es natürlich nah, dass auch im Buch gefochten werden würde", sagt er und schmunzelt.

Ihm war offenbar jedes Stilmittel recht, um seine Geschichte unter Strom zu setzen. Und so überkommt einen bald das Gefühl, den Einbildungen eines großen Plünderers zu lauschen, der einen schamlosen Beutezug durch die gesamte Literaturgeschichte unternommen hat. Von James Bond bis zu den drei Musketieren ist so ziemlich alles mit an Bord, was einen schrägen Plot noch schräger erscheinen lässt. Als seine Vorbilder nennt Dahlquist Nabokov, Proust und Robert Coover - und sein wahnwitziges Unternehmen knapp "post-postmodernes Erzählen".

Den Lesegenuss trübt dieser Umstand keineswegs. Wie mit angehaltenem Atem verfolgt man den Kampf seiner drei Helden gegen das Böse, das seinen Sitz in einem ehemaligen, inzwischen festungsähnlichen Gefängnis hat. Denn dort ringen Celeste Tempel, der Auftragskiller Kardinal Chang sowie Abelard Svenson, der Leibarzt des mecklenburgischen Prinzen, mit den dunklen Mächten. Doch bis das Gute den Sieg davontragen kann und die teuflische Comtessa Laquer-Sforza samt der Glasbücher im Meer versunken sind, erlebt der Leser einen schwindelerregenden Flug über die Schauplätze. Denn so, als hätten die erleuchteten Fantasten Philip K. Dick und Ray Bradbury gemeinsame Sache gemacht, windet und ergeht sich Dahlquists Epos in immer neuen, aberwitzigen Wendungen.

"Ich las beim Schreiben Agatha Christie und rieb mir am Schluss verdutzt die Augen, als ich begriff, dass drei Viertel der vorgestellten Personen in ihrer Geschichte nichts mit deren Ausgang zu tun hatten. Und so sagte ich mir: Das mach ich auch so." So führt Dahlquist seine Leser ziemlich lange an der Nase herum. Bis über dem Maskenzug nach 895 Seiten der Schlussvorhang fällt und der Leser Band zehn in der Gewissheit schließt, dass Monster und Helden manchmal schwer zu unterscheiden sind.

Dahlquist ist ein großartiges Stück Schundliteratur geglückt, das man in einem Zug verschlingt. Und ebenso schnell wieder vergisst. Denn auch dessen Schöpfer, der unterdessen bereits am dritten Teil seiner weit gespannten Saga um Gut und Böse sitzt, macht sich keine Illusionen über den Wert seiner Schnurre: "Das ist ein Buch zum schnellen Konsum, das dir eine Menge Spass bereitet. Wenn du darin allerdings tiefere Wahrheiten suchst, wird es dich enttäuschen."

Gordon Dahlquist: Die Glasbücher der Traumfresser ; Deutsch von Bernhard Kempen. Blanvalet, 895 Seiten, 24,95 Euro.