Die kleine kommunale Bibliothek "Louis Jouvet" im Pariser Vorort Villiers-le-Bel im Norden der Hauptstadt war am Montag nur noch ein rauchender Trümmerhaufen. Gerade mal eine Handvoll Bücher ist unversehrt geblieben. Ratlosigkeit bei den Erwachsenen; ein älterer Bewohner des Quartiers war Zeuge: "Es waren 12- oder 13-Jährige mit Kapuzen. Sie haben Benzinkanister durch die eingeschlagenen Fenster geworfen. Das ist wirklich eine Schande." Eine farbige Frau ist fassungslos: "In diesem Gebäude war auch unser Kindergarten. Wo sollen jetzt die Kinder hin, wenn wir arbeiten gehen?" Die Erwachsenen verstehen nicht, warum sich die Wut der Jugendlichen gegen Einrichtungen von allgemeinem Interesse gerichtet hat.

Nach zwei Krawallnächten bietet Villiers-le-Bel, eine typische Vorstadt von Sozialwohnungssiedlungen mit insgesamt 27.000 Einwohnern 20 Kilometer nördlich von Paris, ein Bild der Verwüstung: Zwei Schulen, die Bibliothek, mehrere Geschäfte und ein Polizeiposten wurden von Jugendlichen verwüstet, geplündert und - wie auch zahlreiche Fahrzeuge - in Brand gesteckt. 80 Polizisten wurden bei den Ausschreitungen verletzt, sechs davon durch Schüsse.

Ausgehend vom Hochhausquartier La Tolinette in Villiers-le-Bel dehnten sich die Krawalle auf die benachbarten Gemeinden Gonesse, Goussainville und Sarcelles aus. Bereits in der Nacht auf den Montag war es nach dem Unfalltod von zwei Jugendlichen zu ersten schweren Ausschreitungen mit hohem Sachschaden gekommen. Die zweite Krawallnacht war dann noch viel schlimmer. Während fünf Stunden lieferten sich etwa 300 Jugendliche in kleinen und sehr mobilen Gruppen der Polizei nach Stadtguerilla-Manier eigentliche Straßenschlachten. Erstmals wurde auf Seiten der Randalierer auch scharf auf die Polizei geschossen.

Premierminister François Fillon erklärte gestern nach einem Besuch im Rathaus von Villiers-le-Bel: "Nichts kann diese Gewalt rechtfertigen. Wer auf die Polizei schießt, ist ein Krimineller und wird als solcher verfolgt und bestraft." Er versicherte, die Justiz werde - wie dies auch die Eltern der beiden Unfallopfer in einem Appell zur Besonnenheit gewünscht hatten - unabhängig ihre Arbeit tun und die volle Wahrheit enthüllen.

Auslöser dieser Gewalt war ein Unfall am Sonntagnachmittag. Der 16-jährige Bäckerlehrling Larami und der 15-jährige Schüler Moushin rammten mit einem für den Straßenverkehr nicht zugelassenen Motorrad auf einer Kreuzung ein Polizeifahrzeug. Die beiden Jungen trugen keine Helme, sie kamen von links und missachteten die Vorfahrt. Mehrere Zeugen sagten auch, dass der Wagen der Polizei in normalem Tempo und ohne Blaulicht oder Sirene fuhr.

Weniger eindeutig ist dagegen, was anschließend geschah. Die Ordnungshüter behaupten, sie hätten vergeblich versucht, die beiden Unfallopfer durch Herzmassage zu retten, doch angesichts einer bedrohlichen Menge von Jungen aus dem Quartier hätten sie sich in Sicherheit gebracht. Die Mannschaft der Feuerwehr, die zehn Minuten später am Ort eintraf, musste ebenfalls abziehen. Ob ein Fall von unterlassener Hilfeleistung vorliegt, wird von der Justiz noch geklärt. Für die Freunde der beiden beim Unfall getöteten Jugendlichen aber sind die Polizisten in jedem Fall schuldig. In Windeseile verbreiteten sich Gerüchte, denen zufolge die Patrouille Moushin und Larami verfolgt und den Zusammenstoß absichtlich provoziert habe.