Die türkische Justiz hinterlässt dieser Tage in Europa einen denkbar schlechten Eindruck. Der Prozess gegen den minderjährigen Deutschen Marco W. in Antalya wurde vom zuständigen Gericht erneut verschoben, weil wieder mal ein paar wichtige Dokumente nicht vorlagen. Das endlose Verfahren in einem offensichtlich minder bedeutsamen Fall einer angeblichen sexuellen Belästigung zwischen zwei Jugendlichen kann in Europa kaum jemand nachvollziehen. So hat sich nun auf Initiative deutscher Politiker das EU-Parlament in Straßburg mit dem Fall beschäftigt.

Parlamentspräsident Hans-Gerd Pöttering wurde von den Fraktionsvorsitzenden beauftragt, dem für die Türkei-EU-Verhandlungen zuständigen Kommissar Olli Rehn die Besorgnis des europäischen Parlaments zu übermitteln. Darüber hinaus haben einige Politiker der CDU/CSU und der FDP die Gelegenheit genutzt, ihrer Empörung über den Fall Marco W., über die Türkei im Allgemeinen sowie deren Ansinnen, der EU beizutreten, kräftig Luft zu machen.

Dazu ist zweierlei zu sagen.

Erstens. Alle die sich da erregen, haben im Prinzip recht. Das Verfahren gegen Marco kippt in einen regelrechten Justizskandal um, in dem ein Jugendlicher ohne Vorlage greifbarer Beweise monatelang in U-Haft festgehalten wird. Die komplizierten Dokumenten-Rochaden zwischen den Klägern in Großbritannien, dem Beklagten aus Deutschland, der türkischen Gerichte, der Anwälte, der Gerichtsdiener und der Übersetzer reichen als Begründung für die Verschleppung einer Entscheidung lange nicht mehr aus.

Hier tragen Advokaten und Justiz ihre nicht mehr nachvollziehbaren bürokratischen Prinzipien auf dem Rücken eines aller Wahrscheinlichkeit nach unschuldigen Minderjährigen aus. Im Übrigen sollten sich Richter und Anwälte, die nicht in der Lage sind, englische Dokumente ohne Übersetzung zu lesen und zu beurteilen, fragen, ob sie wegen mangelnder Qualifikation nicht den Beruf verfehlt haben. Das gilt übrigens nicht nur für die Türkei, sondern auch für die in diesen Fragen nicht viel flexibleren deutschen Gerichte.

Zweitens. Einige deutsche Politiker versuchen, Marco zu helfen, indem sie der Sache ihr Prinzip aufzwingen. Und das lautet, bei allem, was in der türkischen Provinz schiefläuft, sofort den großen Hammer herauszuholen und damit auf den EU-Beitrittsprozess einzuschlagen. So hervorgetan haben sich jüngst die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin, der rechtspolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Jürgen Gehb, und der bayerische Europaminister Markus Söder, dem zu Europa auffällig oft nicht viel mehr einfällt, als dass die Türkei nicht dazugehöre. Dies mag ein durchaus wichtiges Thema sein, wenn der Beitritt in etwa zehn Jahren in den Bereich des Möglichen rücken könnte. In der aktuellen Frage, wie Marco W. endlich den Knast von Antalya verlassen kann, hilft die Erörterung nicht weiter. Im Gegenteil.