Die Grünen beginnen mit der Aufarbeitung ihrer Geschichte. Zumindest scheint es so. Dass sie sich gerade jetzt mit ihrer fast vergessenen Gründungsfigur Petra Kelly beschäftigen, ist vielleicht ein biografischer Zufall, weil sich in diesem Herbst ihr Todestag zum 15. Mal und ihr Geburtstag zum 60. Mal jähren. Aber womöglich ist es auch ein Symbol für die Unsicherheit der Grünen, ihr Schwanken zwischen dem Zustand als Nicht-Mehr- oder Noch-Nicht-Wieder-Regierungspartei und der fernen Sehnsucht nach alter Radikalität.

Jedenfalls erschien gerade nicht nur ein Buch über Petra Kelly. Auch einige prominente Grüne haben sich in den vergangenen Tagen zu ihr geäußert. Renate Künast beispielsweise, die gemeinsam mit Fritz Kuhn der Bundestagsfraktion vorsteht. Kelly stehe "für die grüne Seele der Partei, für Radikalität, für Visionen", schrieb Künast in der Vanity Fair .

Doch schon in diesem kurzen Text, der eine Erinnerung an Kelly und eine Würdigung ihrer Ziele sein soll, wird klar, dass sich die Grünen sehr schwer mit ihrer "Ikone" und mit ihrer eigenen Geschichte tun.

Petra Karin Lehmann, die sich später nach ihrem Stiefvater Kelly nannte, war ohne Zweifel eine beeindruckende Frau. In Deutschland aufgewachsen, in den USA sozialisiert, studierte sie in Washington und Amsterdam Politikwissenschaft, engagierte sich früh in der Politik und arbeitete für die EU-Kommission in Brüssel. Nach dem Tod ihrer Schwester gründete sie einen Verein zur Unterstützung der Krebsforschung. Sie demonstrierte und protestierte und arbeitete gleichzeitig in Bürgerinitiativen für Umweltschutz und Frieden mit. Nach ihrem Austritt aus der SPD gründete sie 1979 die Grünen mit, war Mitglied des ersten dreiköpfigen Vorstandes und in der ersten Bundestagsfraktion.

Zeitgenossen haben schnell viele Adjektive parat, wenn sie über sie erzählen. "Strahlend" ist eines davon, "mitreißend" ein anderes. Doch wurde sie auch anders empfunden, als nervend, bohrend, drängend, wie Künast bei der Vorstellung des Buches Petra Kelly – Eine Erinnerung sagte.

Dabei war Kelly wohl vor allem das, was heute mit dem Wort "menschlich" umschrieben wird. Nicht abgeklärt, nicht abgehärtet, fähig zu Begeisterung und Mitleid und ausgestattet mit dem unbedingten Willen, zu helfen und etwas zu verändern. Wer ist, wie sie war, gilt schnell als anstrengender Zeitgenosse, später jedoch als gepriesener Vorfahr.