Streiten sich zwei, freut sich der Dritte. In diesem Fall auch der Vierte: die Verkehrsgewerkschaft GDBA, die Seit' an Seit' mit der Gewerkschaft Transnet verhandelte, während die Bahn und die Lokführer von der GDL sich duellierten. Beide Gewerkschaften konnten gestern einen Erfolg verbuchen, der die Lage im Tarifpoker zwischen Bahn und GDL erheblich verändert.

Auf mindestens zehn Prozent mehr Geld für insgesamt 135.000 Beschäftigte bis Ende 2010 einigte sich die Bahn mit den beiden Gewerkschaften. Weil die Bahn fürchtet, dass die Rivalitäten der Gewerkschaften innerhalb des Konzerns außer Kontrolle geraten, griff sie jetzt zur Notbremse - und erkaufte sich einen Frieden, indem sie Transnet und GDBA mit viel Geld und einer vorgezogenen Tarifeinigung bis zum Jahr 2010 ruhigstellt.

Das hat seinen Preis. Allein für die Änderung der Tarifstruktur will die Bahn pro Jahr 100 Millionen Euro ausgeben. Künftig wird es einen Basistarifvertrag geben, der für alle Beschäftigten gleichermaßen gilt. Dazu kommen sechs spezifische Tarifverträge, etwa für Service und Instandhaltung. Teurer aber noch dürften die ausgehandelten Gehaltssteigerungen sein. Zu den 4,5 Prozent, die GDBA und Transnet bereits im Juli ausgehandelt hatten, kommen nun auf drei Jahre verteilt mindestens 5,5 Prozent hinzu. De facto hat die Bahn also einen Tarifvertrag über drei Jahre abgeschlossen - was die Bahn, legt man die Zahlen des Konzerns zugrunde, bis zu einer halben Milliarde Euro kosten könnte.

Die Bahn tut das, um die Parteien zu beschwichtigen, weil sonst größerer Schaden droht.  "Die Einigung war auch ein Signal an Transnet, damit die ihre Mitglieder beruhigen kann", sagt der Bonner Arbeitsrechtler Gregor Thüsing. "Für Transnet ist das ein Erfolg." In den letzten Monaten hatten viele Lokführer, die bei Transnet organisiert waren, das Lager gewechselt und waren der GDL beigetreten.

Gleichzeitig sandte Bahn-Chef Hartmut Mehdorn Signale an die GDL aus, sich in den nun ausgehandelten Kompromiss einzureihen. Mit der gefundenen Struktur stehe der GDL "eine Tür" offen, in Verhandlungen über Entgelte und Arbeitszeiten für Lokführer eintreten zu können, "ohne sich präjudiziert zu fühlen". Er gehe davon aus, dass die Tarifeinheit im Konzern dadurch erhalten werde, sagte Mehdorn - das war stets Ziel der Deutschen Bahn. Die Lokführergewerkschaft will einen eigenständigen Tarifvertrag, bei dem sie Arbeitszeit und Entgelt selbst regeln kann - und sich nicht mit der Konkurrenzgewerkschaft Transnet abstimmen muss. Ob ihr die Eigenständigkeit in der neuen Struktur weit genug geht, ließ GDL-Boss Manfred Schell offen.

Klar ist: Die Lokführer sind unter Zugzwang. "Die GDL ist durch den Kompromiss überholt worden", sagt Hagen Lesch, Tarifexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Zwar hat sie auch etwas bekommen: Transnet zieht sich aus den Gehaltsverhandlungen für die Lokführer zurück und macht Platz für die GDL, die nun alleine verhandeln darf. Nur sind ohnehin 80 Prozent der Lokführer bei der GDL organisiert - ob sie jetzt auch noch für die übrigen 20 Prozent mitspricht, ist aus Sicht der Gewerkschaft nebensächlich.