Die Bären schlafen nur

Zuweilen gehorcht auch die Börse den Gesetzen der Jahreszeit: Derzeit scheinen sich die Bären an den Aktienmärkten in Winterschlaf zu begeben. Der Bär steht in der Finanzwelt ja als Synonym für jene Marktteilnehmer, die von sinkenden Kursen ausgehen – im Gegensatz zu den Bullen, die für steigende Kurse stehen. Sie werden so genannt, weil ein Bulle sein Opfer mit den Hörnern aufspießen und dann nach oben durch die Luft wirbeln kann.

Die Bären hingegen schlagen mit ihrer Pranke von oben zu. Sie hatten in den vergangenen Wochen schon einige Opfer zur Strecke gebracht. Zu den bekanntesten Beispielen gehören die Banken, die deutlich schlechter laufen als der ohnehin niedergedrückte Markt. Der Standard & Poor’s-Bankenindex beispielsweise verlor seit Jahresanfang über 23 Prozent, während der S&P 500, der den breiten US-Aktienmarkt abbildet, etwas mehr als sechs Prozent zulegen konnte. Der irische Aktienmarkt, ehemals ein Highflyer, hat seit seinem Höchststand im Februar schon 26 Prozent verloren, von einzelnen Aktien gar nicht zu sprechen.

Die Vorlieben der Anleger scheinen sich zu verändern. Blicken wir nach China: Der Shanghai Composite Index ist sehr volatil. Kurzfristige kräftige Kursrückgänge hat er in der Vergangenheit stets schnell wieder aufgeholt. Aus diesem Grund ist er seit Jahresbeginn auch über 80 Prozent im Plus. Nur diesmal klemmt es etwas. Der Höchststand des Index liegt schon mehr als sechs Wochen zurück, ohne dass er wieder überschritten wurde. Und ein Minus von fast 20 Prozent seither spricht eine klare Sprache.

Erfolg macht bekanntlich sexy. In den jüngsten Tagen hatte das Lager der Bären so starken Zulauf wie schon lange nicht mehr. Aktuelle Umfragen zeigen einen außergewöhnlich ausgeprägten Pessimismus der Anleger. Am vergangenen Montag gab es sogar eine kleine Ausverkaufssituation: Leichte Anzeichen von Panik, die Kurse sanken über zwei Prozent innerhalb einer Handelssitzung und schlossen auf dem Tagestief. Das war schon beachtlich.

Aus Sicht der Sentimentanalyse sind das klare Anzeichen für eine sehr einseitige Einschätzung des Marktes durch die Investoren. Das wiederum spricht dafür, dass es bald zu einer Gegenbewegung kommt und die Kurse wieder steigen.

Dabei hat sich das fundamentale Umfeld gar nicht gebessert. Die Aufräumarbeiten nach dem Erdbeben der Subprime-Krise sind kaum vorangekommen , und dennoch deuten die Stimmungsindikatoren auf eine Übertreibung hin, die bald beendet sein dürfte. Da trifft es sich gut, dass die Bären im Dezember meist ohnehin ihren Winterschlaf beginnen.

Die Bären schlafen nur

Die Investoren nutzen die letzten Wochen des Jahres, um sich für das kommende zu positionieren. Schnell entfernen sie die Verlierer des Jahres aus ihren Portfolien, denn Verlustpositionen machen sich in keiner Bilanz besonders gut.

Das alles spricht dafür, dass zumindest kurzfristig das Schlimmste ausgestanden ist und das Sentiment bald die fundamentalen Faktoren überlagert. Außergewöhnlich ist das nicht: Auch im letzten großen Bärenmarkt zwischen 2000 und 2003, als der Dax mehr als 70 Prozent an Wert verlor, gab es immer wieder kurze Abschnitte, in denen Gegenbewegungen von mehr als zehn Prozent nach oben zu verzeichnen waren. Sie setzten immer dann ein, wenn der Pessimismus besonders groß war – dann legten die Bären eine Pause ein. Doch sie kamen immer zurück, nach einiger Zeit und mit alter Kraft.

Auch jetzt sind die Bären nicht verschwunden. Sie schlafen nur.