Der Mann, der ganz Lateinamerika vereinen will, hat sein eigenes Land zutiefst gespalten. Chavistas und Antichavistas, Anhänger und Gegner von Venezuelas Präsident Hugo Chávez, mobilisieren Zehntausende ihrer Anhänger. Auf dem Campus der größten Universität von Caracas, einer Hochburg der Opposition, sind bereits mit Pistolen bewaffnete vermummte Chavisten aufgetreten. In einer Provinzstadt wurde ein Chavist erschossen, der eine Straßenbarrikade der Opposition durchbrechen wollte. Die Lage ist explosiv. Am Sonntag stimmt das Volk über eine Änderung der Verfassung ab.

Dabei ist die Verfassung erst acht Jahre alt. Zehn Monate nach seinem Amtsantritt im Februar 1999 hatte sie Präsident Chávez in einem atemberaubendem Tempo durchgepeitscht. Mit ihrer Annahme durch das Volk war die "Bolivarische Republik Venezuela" geboren, benannt nach Simón Bolívar, dem vor 177 Jahren verstorbenen "Befreier" Südamerikas. Die Verfassung, die vor allem die Macht des Präsidenten stärkte, kam als blaues Büchlein millionenfach unter das Volk – es schien ein Jahrhundertwerk. Nun will Chávez 69 ihrer 350 Artikel revidieren lassen.

Die höchsten Wellen schlägt in Venezuela die Neufassung von Artikel 230, der künftig dem Präsidenten erlauben soll, sich beliebig oft zur Wiederwahl zu stellen. Was in Europa gang und gäbe ist, was den Deutschen 16 Jahre Helmut Kohl und den Spaniern 14 Jahre Felipe González beschert hat, verbieten in Nord- wie Südamerika die meisten Verfassungen. Kuba ist da eine ziemlich einsame Ausnahme. Just kubanische Verhältnisse aber sind der Albtraum vieler Venezolaner. Doch in den Unterschichten, bei den Habenichtsen der Elendsviertel der Großstädte, ist Hugo Chávez weiterhin populär. Er hat das Thema der Armut ins Zentrum des politischen Diskurses gestellt.

In Venezuela heiß umstritten ist hingegen, ob es heute tatsächlich weniger Armut als vor neun Jahren gibt. Fest steht allerdings, dass Millionen von Menschen dank Chávez zum ersten Mal Zugang zu ärztlicher Versorgung haben, was in keine Einkommensstatistik eingeht. Der Staat gibt zudem in eigenen Läden die Grundnahrungsmittel zu stark subventionierten Preisen ab. Der Präsident lässt sich seine Revolution Milliarden von Dollars kosten, die ihm die Hausse bei den Rohölpreisen in die Kasse spült. Als Chávez sein Amt antrat, lag der Preis bei elf Dollar pro Fass, heute liegt er über 90 Dollar. Venezuela ist der fünftgrößte Ölexporteur der Welt, und jeder Dollar Preisanstieg bedeutet jährlich eine Milliarde Dollar mehr im Staatssäckel.

Doch es gibt eine Reihe Indikatoren, die auf schwierige wirtschaftliche Zeiten hinweisen. Die Investitionsrate ist rapide gesunken. Heute produziert Venezuela 25 Prozent weniger Erdöl als bei Chávez’ Amtsantritt. Der gespaltene Geldmarkt (auf der Straße erhält man dreimal mehr Bolivares für den Dollar als in der Bank) heizt die Inflation an. Nur Benzin bleibt billig. Bei einem Preis von zwei Cents pro Liter reicht ein Euro für eine Tankfüllung. Mineralwasser ist zehnmal teurer. Und frische Milch gibt es in Caracas seit Monaten nicht mehr. Auch für Eier und Klopapier stehen viele Venezolaner inzwischen stundenlang in der Schlange.

Das schafft Unzufriedenheit. Unmut herrscht in der Bevölkerung zudem wegen der grassierenden Korruption und der gestiegenen Kriminalität. Venezuela wird innerhalb Lateinamerikas nach Angaben von Transparency international inzwischen nur noch von Haiti, dem weltweit korruptesten Land überhaupt, übertroffen. Und in Caracas werden täglich durchschnittlich ein Dutzend Menschen ermordet.