Am Wochenende feierte Udo Jürgens' Musical Ich war noch niemals in New York Premiere im Hamburger Operettenhaus. Mit 73 Jahren hat sich der ewige Schwerenöter des deutschen Schlagers ein klingendes Denkmal gesetzt. Der SZ -Kraftschreiber Willi Winkler ist mit dem "vergnügungswilligen Städtereisen-Publikum" zur Reeperbahn gekommen, und er musste zugeben: Die "gepflegte Unterhaltung auf Piccolo-Niveau" tut "allen wohl und nicht besonders weh". "Es fängt gleich so schlimm an, wie deutscher Schlager nur sein kann: Aus dem Orchestergraben hämmert presto eine Anspielung auf den Übergewichtsklassiker Aber bitte mit Sahne , es beginnt ein wüstes Hitparaden-Mitgeklatsche, dem ein Potpourri weiterer beliebter und bekannter Jürgens-Melodien folgt. Das kann, denkt der in den Sitz geprügelte Zuschauer, das kann nur ganz schlimm werden. Wird es aber nicht." Udo Jürgens sei nicht bloß musicalfähig, das Stück sei wider Erwarten ein grandioses Theaterereignis geworden.

Wenn, jenseits der Schlagerwelt, von wegweisender Musik aus Deutschland gesprochen wird, ist damit meist die Elektronik der Gegenwart oder der Krautrock der frühen Siebziger gemeint. Can , Neu! , Kraftwerk , Cluster und Harmonia gelten vielen als Pioniere. Ihr Einfluss findet sich in Techno, HipHop und Avantgarde.

Die Überband Can ist in Deutschland mittlerweile musealisiert . Zu ihrer großen Zeit galten die Helden des Krautrock jedoch wenig. Während in England John Peel von ihnen schwärmte, spielten Harmonia und Cluster hierzulande in abgelegenen Schuppen vor 50 Besuchern. Harmonia, die Krautrock-Supergruppe der beiden Cluster-Musiker Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius zusammen mit dem Kraftwerk-Mitstreiter und Neu!-Musiker Michael Rother, hielt nur zwei Alben lang. In Berlin trat das Trio vergangene Woche nach über 30 Jahren erstmals wieder gemeinsam auf – im Rahmen des Festivals Worldtronic. Dazu wurde ein Konzert von 1974 auf CD veröffentlicht. Welt , taz und Frankfurter Rundschau berichten.

Michael Pilz ( Welt ) rekapituliert die Geschichte der Formation. "Um 1973 folgte Rother (….) den Cluster-Musikanten ins Exil nach Forst im Weserbergland. Dort, im Alten Weserhof, einer Ruine aus dem 16. Jahrhundert, lebten sie als stadtflüchtige Kommunarden. Weniger ideologisch als in der Kommune I, wo sich Roedelius noch als Kindermädchen plagen durfte. Eher in spitzweghaftem Künstlerdasein. Angeblich fand sich im Sperrmüll auch ein Wimpel des Gesangsvereins Harmonia Ottenstein und für die Kunst ein Name. Manches hielt Harmonia davon fest. Das erste Album hieß Musik von Harmonia und das folgende De Luxe . Denn so gelassen und bescheiden die Musik auch klang, die Band litt materielle Not. Das Reisigsammeln diente nicht allein der Selbstfindung. Die nun erschienene CD Live 1974 wurde bei einem Konzert in Griessem mitgeschnitten (…). Von Rother kam damals der Wunsch, Harmonia zu forcieren und gelegentlich zu üben. Für Roedelius und Moebius eine unsittliche Forderung. Die Band erklärte 1975 ihre Trennung. Rother landete im Esoterisch-Sphärischen und sicherte sich seine Existenz mit Alben wie Flammende Herzen . Cluster wurde in den Achtzigern wieder belebt."

Der große Krautrock-Fan und Musiker Julian Cope zitiert in seinem Buch Krautrocksampler den britischen Kritiker Biba Kopf: "Von allen großartigen deutschen Bands der Mittsiebziger kann man bei Harmonia am allerwenigsten verstehen, wie sie so unbeachtet bleiben konnten." Das Medienecho auf das erste Album der Band sei gering gewesen, schreibt auch Christoph Wagner in der taz . Gitarrist Rother wird präziser: "Das erste Album war kommerziell ein Desaster." "Die Grundidee war, den ganzen Ballast über Bord zu werfen. All die Klischees, mit der die Rockmusik befrachtet war, wegzulassen. Kein Blueston mehr, keine Harmoniefolgen. Schluss!" Aber findet diese Idee heute Freunde?

Elke Buhr hat sich das Konzert für die Frankfurter Rundschau angesehen: "Wieder war der Plan: Nicht viel üben, einfach machen. Doch auf den Genius des richtigen Momentes kann man sich eben nicht immer verlassen. Natürlich war es eindrucksvoll, den mittlerweile über siebzigjährigen Hans-Joachim Roedelius hinter seinen Maschinen wippen zu sehen, während sich der vertraute Klang von Rothers E-Gitarre in den repetitiven Strukturen der Musik verlief. Aber das Zentrum von Harmonias Performance war ein Apple-Laptop wie bei jeder ihrer aktuellen Nachfolge-Bands, und die Sounds, die die Herren ihm entlockten, klangen hoffnungslos breit getreten." Man müsse also weiterhin auf die historischen Aufnahmen zurückgreifen, "will man die Qualitäten von Harmonia wirklich genießen – und da ist das neu erschienene Konzert eine sehr gute Quelle. Und die heutige Avantgarde jenseits des Weserberglandes findet sich vielleicht auf den weiteren Konzerten des Worldtronics-Festivals, bei den Acts aus Japan, Chile, dem Kongo oder Israel."