Noch gibt es Belgien. Wenngleich das Land schon seit einem halben Jahr ohne nationale Regierung auskommen muss. Flamen und Wallonen konnten sich dieser Tage beim erneuten Anlauf nur darauf einigen, weiter gänzlich uneins zu sein. Fast haben sich die Belgier daran gewöhnt, mit Verdrossenheit und Überdruss. "Eine Krise des Regierungssystems? Die Puristen werden mit Nein antworten. Die komme erst, wenn keinerlei Koalition möglich ist", räsonierte die Brüsseler Tageszeitung Le Soir . Stimmt. Und doch auch wieder nicht.

Denn es geht nicht einfach um Mehrheitsarithmetik zwischen einer Vielzahl kleinster, kleiner und etwas größerer Parteien. Es geht um den Fortbestand Belgiens. Das Land mit seinen zehn Millionen Einwohnern geht weiter seinen Weg vom einstigen Zentralismus über den Föderalismus zum Konföderalismus zum – tja, wohin eigentlich?

Womöglich in die Aufspaltung in ein zusehends selbstbewusstes und starkes Flandern, ein krisengeschütteltes Wallonien und eine Hauptstadt Brüssel, die sich schon heute vorsichtshalber mit dem Titel "Hauptstadt Europas" schmückt. Ein Zerfall in Frieden, da wird kein Schuss fallen, wenigstens das.

Sollte es so weit kommen, wird das Beispiel wohl Schule machen. Das Vereinigte Königreich gliedert sich, pünktlich zum 300. Geburtstag der Act of Union, bereits in ein selbstbewusstes Schottland, ein kesses Wales und ein zergrübeltes England, das nicht recht weiß, was ihm allein zu Haus denn noch bleibt, und das bei der National(!)elf. Die Devolution hat sich in den zehn Jahren von Tony Blair jedenfalls prächtig entwickelt, auf Kosten des Britischen.

In Spanien wird die Figur des Königs (nicht die Person Juan Carlos) zum Debattenthema. Viele Katalanen, die Basken allemal, Galizier und Andalusier empfinden die konstitutionelle Monarchie als einschnürende Nationalklammer. Die italienische Lega Nord sitzt zwar derzeit auf römischen Oppositionsbänken und hat ihren Ruf nach Abspaltung gedämpft zur Forderung nach Devolution nach britischem Vorbild, blickt aber fasziniert auf das belgische Patt.

Machen wir an dieser Stelle ruhig eine Denkpause auf unserer Reise durch die Europäische Union.