Wer die Sache mit den steigenden Preisen hautnah erleben will, muss Dagmar Schmücker treffen. Die 54-Jährige arbeitet in der Hamburger Filiale eines Einzelhandelskonzerns, und wenn etwas teurer wird, muss sie das Produkt mit einem neuen Etikett versehen. Die Butter zum Beispiel, die im Kühlregal lagert, kostet heute bis zu 30 Prozent mehr. Oder die Milch: "Mit der fing alles an", sagt sie. Viele Produkte sind mittlerweile teurer als noch vor einem Jahr: Bier, Süßigkeiten, Fleisch. Man komme ja gar nicht mehr mit, bei den ständig steigenden Preisen, schimpft Schmücker.

Inflation nennen Ökonomen es, wenn die Preise steigen. Und Inflation macht Angst. Was heißt es, wenn das Statistische Bundesamt verkündet, dass die Inflationsrate im November auf drei Prozent gestiegen ist ? Wird jetzt alles noch teurer? Und wenn ja: Ab wann wird die Entwicklung für die deutsche Volkswirtschaft gefährlich? Eine Frage, die vor allem unter Ökonomen heftig diskutiert wird, und die in dieser Woche einige zu warnende Worten greifen ließ. So nannte der Konjunkturexperte des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), Roland Döhrn, den Preisschub "bedenklich". Und sein Kollege Joachim Scheide vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel warnte vor einem weiteren Preisschub.

Zwei Faktoren treiben derzeit die Preise: Zum einen sind Nahrungsmittel teurer geworden. Das hat mehrere Gründe. Ein wichtiger ist Chinas starkes Wirtschaftswachstum. Der Wohlstand im Reich der Mitte steigt und damit der Bedarf an hochwertigen Nahrungsmitteln, was die Nachfrage weltweit in die Höhe schnellen lässt. Zum anderen macht der hohe Ölpreis , der an diesem Donnerstag bei rund 94 Dollar pro Barrel verharrte, das Leben teurer: Weil die Raffinerien aus Rohöl Benzin, Diesel und andere wichtige Schmierstoffe der Ökonomie destillieren, steigen auch die Preise an den Zapfsäulen. Zur Wochenmitte kostete ein Liter Normalbenzin 1,39 Euro.

Für Ökonomen ist leicht zu beantworten, was das zunächst bedeutet: die Nachfrage sinkt. Die Verbraucher haben weniger Lust, einzukaufen, wenn die Produkte teurer werden. Genau das passiert derzeit in Deutschland – dummerweise kurz vor Weihnachten, der Primetime im deutschen Einzelhandel. Der Branchenverband HDE rechnet vor, dass die Branche in diesem Jahr real zwei Prozent weniger Umsatz machen werde, weil die Kunden die hohen Preise fürchteten. Der Indikator für das Konsumklima des Marktforschungsinstitutes GfK fällt im Dezember auf 4,3 Punkte, den schlechtesten Wert seit März. Die Dresdner Bank rechnete ihre Prognose für den privaten Konsum im kommenden Jahr auf ein Wachstum von 1,8 Prozent herunter – bislang glaubte sie an 2,1 Prozent. Die Konsumenten sind verunsichert.

Da nützt es auch nichts, dass die Verbraucher die Inflationsrisiken überschätzen. "Die gefühlte Inflation ist in den vergangenen zwei Monaten in Deutschland deutlich gestiegen", sagt Wolfgang Leim, Ökonom der Dresdner Bank. Mittlerweile dürfte sie wieder erheblich höher sein als die tatsächliche Teuerung. Die Preise für Computer und für Mode sind etwa deutlich gesunken. Die Konsumenten nehmen aber vor allem die Preissteigerungen bei Gütern wahr, die sie täglich kaufen. Und die sind oftmals teurer geworden.

Das alles dämpft das Wachstum – ist aber kein Grund zur Panik. Zwar liegt die Inflationsrate in Deutschland erstmals seit den 90er Jahren über drei Prozent. Von der Europäischen Zentralbank gewünscht ist ein Wert von höchstens zwei Prozent. Doch die EZB macht derzeit keine Anstalten, die Zinsen im Euroraum zu erhöhen, was die Inflation dämpfen würde. Die Währungshüter sind der Ansicht, dass langfristig keine große Gefahr droht. Ihre Argumente sind gut – es sind vor allem zwei.