Eine Studie sollte Klarheit bringen. Wir erwarten wie bei einer medizinischen Diagnose erst mal Informationen. Möglichst genaue und auch möglichst viele. Man kann ja nicht wissen, was dabei zutage kommt. Auf Neugier also kommt es an! Liegen die Werte über den untersuchten Körper vor, kann über die Diagnose notfalls gestritten und die Therapie entwickelt werden. Oder der Gesunde wird mit guten Wünschen entlassen. So sollte es doch sein?

Was würden wir aber von Medizinern halten, die sich ständig gegenseitig verdächtigen, den Patienten gesundzubeten oder ihn überhaupt erst in die Krankheit hinein interpretiert zu haben? Genau dieser gegenseitige Generalverdacht eines zerstrittenen Consiliums liegt immer noch über deutschen Bildungsdebatten. Dabei hatten viele gehofft, das sei nun endlich vorbei. Nicht zuletzt dank der Pisa-Studien selbst. Aber nein. Man wirft sich gegenseitig vor, Schönredner oder Runtermacher zu sein. Dann muss man sich natürlich gegenseitig gar nicht zuhören. Dann fordert man sogar den Kopf des Gegners.

Schon in der vergangenen Woche deutete es sich an, dass unser mehr als 30-jähriger Bildungskrieg keineswegs zu Ende ist. Da verlangen CDU-Kultusminister vom internationalen Pisa-Koordinator den „Rücktritt“, als wäre er ein Politiker. Dabei war sein Einwand ein methodischer über den Vergleich von Daten . Vielleicht war es nicht besonders geschickt von ihm, sich damit vor der Veröffentlichung der Studie mit einem Tagesschau -Interview einzumischen.

Versuchen wir nüchtern zu sein. Verschlechtert haben sich die deutschen Schüler in den vergangenen Jahren nicht. Vieles spricht dafür, dass sie zumindest etwas besser geworden sind. In den Naturwissenschaften liegen sie deutlich über dem Durchschnitt, wenn auch für Weltmeisterfantasien kein Grund besteht. Dieses erfreuliche Ergebnis besteht unabhängig davon, ob es einer Steigerung in den vergangenen Jahren geschuldet ist oder ob es damals von der Studie noch nicht erkannt wurde.

Nach wie vor muss es zu denken geben, dass in den Naturwissenschaften in Finnland 21 Prozent der Schüler zur höchsten Kompetenzstufe gezählt werden, in Deutschland aber sind es trotz Fortschritten nur 11,8 Prozent. Dass die 15-jährigen Finnen in allen Bereichen den Deutschen um ein oder sogar zwei Schuljahre voraus sind, liegt wohl auch an einer größeren Gelassenheit. Man interessiert sich dort weniger (fast gar nicht) für den Pisa-Rang, und auch in der Schule kommt es kaum auf die Noten an, die es bis zur sechsten Klasse gar nicht gibt. Es geht vielmehr darum, was mit dem einzelnen Schüler los ist.

Man könnte sagen: Mehr Sein als Schein. Auch schwach sein dürfen, um Stärken zu entwickeln. Das ist die finnische Stärke. Der teutonische Expertenstreit über Rangplätze, der bei der Pisa-Interpretation wichtiger zu sein scheint als die tatsächliche Kompetenzen der Kinder, erinnert an eine Schulkultur, in der auch die gute Note wichtiger ist als die gute Leistung.