Seufzend und kopfschüttelnd, ratlos und manchmal auch verwirrt kommen die Journalisten aus der Bundespressekonferenz, auf der am Vormittag dieses 4. Dezember die neue Pisa-Studie vorgestellt und interpretiert wurde. Nach den Indiskretionen in der vergangenen Woche und der Bereitstellung der Ergebnisse heute am frühen Morgen durch die OECD kamen nun die Bildungspolitiker und die deutschen Pisa-Wissenschaftler zum Zuge. Man hat zuweilen den Eindruck, es gäbe nicht nur eine Pisa-Studie, sondern verschiedene.

Professor Manfred Prenzel, der für das deutsche (wissenschaftliche) Pisa-Konsortium spricht, bewertet die Verbesserungen der deutschen Schüler, die die OECD im Bereich der statistischen Unschärfe sieht, durchaus als bemerkenswert. Die 11 Punkte Zugewinn beim Lesen seit der ersten Studie von 2000 bringe Deutschland zwar nicht über den internationalen Durchschnitt hinaus, aber dieser Drift nach oben ist für ihn signifikant. Dabei verweist Prenzel auf die verbesserten Werte im Ranking. Im Jahr 2000 beim Lesen Platz 21. 2003 Platz 18 und beim jetzt ausgewerteten Test von 2006 Platz 14. Das ist in der Tat imponierend, könnte aber dennoch ein falsches Bild ergeben. Die OECD hält die Unterschiede für statistisch nicht bedeutsam und will die Länder, die zum Teil nahe beieinander liegen, lieber nach Gruppen gewichten, was dann zu einer anderen Optik führt.

Ein ähnlich differentes Bild ergibt sich auch bei der Skala der naturwissenschaftlichen Kompetenzen. Von Platz 20 im Jahr 2000 über Platz 15 im Jahr 2003 nun auf den 8. Platz im Vergleich der 30 OECD-Staaten. (Im Vergleich aller teilnehmenden 57 Länder ist das Platz 13). Auch die OECD sieht bei den deutschen Schülern im Bereich Naturwissenschaft erstmals eine Platzierung oberhalb des Durchschnitts, will aber den Vergleich mit den vorherigen Tests aus methodischen Gründen nicht wagen und sieht bei den vergleichbaren Fragen keine Verbesserung.

Hinzu kommt, dass natürlich nicht alle Schüler eines Landes getestet werden. Deshalb sind die Rangangaben nur Hochrechnungen. 100-prozentig sicher können sie nie sein. Wie wenig die Zahlen bedeuten, erfährt, wer einen genaueren Blick auf die Tabelle der naturwissenschaftlichen Pisa-Ergebnisse wirft: Dort ist zu lesen, dass sich mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit sagen lässt, dass Deutschland einen der Ränge zehn bis 19 belegt. Für die Bundesrepublik ist der Schwankungsbereich außerdem größer als für die meisten Teilnehmerstaaten.

Diese argumentativ nachvollziehbaren Differenzen der Pisa-Wissenschaftler der OECD und im deutschen Konsortium tauchen in den Wertungen der Bildungspolitiker kaum noch auf. Sie werten die Ergebnisse durchweg als positive Entwicklung und als Bestätigung dafür, mit ihrer Politik auf dem richtigen Weg zu sein.

Der Präsident der Kultusministerkonferenz Jürgen Zöllner erklärt, dass die in den Ländern eingeleiteten Reformen greifen, und fügt hinzu: "Dazu trägt sicherlich auch die gestiegene Wertschätzung für die Bedeutung von Bildung in der Gesellschaft bei." Bundesbildungsministerin Annette Schavan wertet die Ergebnisse als einen schönen und ermutigenden Erfolg für alle, die sich für die Verbesserung unseres Bildungssystems engagierten. "Wir sind mitten in den tiefgreifendsten Bildungsreformen seit 30 Jahren. Das zeigt inzwischen Wirkung: Die deutschen Schülerinnen und Schüler haben einen Platz im oberen Viertel der Pisa-Länder erreicht. "