Früher saß hier Sabine Christiansen zur besten Sendezeit am Sonntagabend. Mittlerweile werden mittwochs die Tagesthemen verschoben, um Frank Plasberg Zeit zu lassen, hier dieselben Leute wie damals bei Christiansen zu befragen. Nur an diesem Abend dreht sich der Wind im Medienkontor-Studio in Berlin-Schöneberg. 21 junge Autoren sind gekommen - und die sind gnadenlos.

Was hier stattfindet, ist die Lesung des "Treffen Junger Autoren 2007" der Berliner Festspiele. Neben Großveranstaltungen wie dem Bundes-Theater-Treffen und der Maerz Musik finden unter dem Dach der Festspiele Nachwuchswettbewerbe in den Bereichen Theater, Musik und eben Literatur statt - Nachwuchsautoren zwischen zehn und 21 Jahren begegnen sich hier seit 1986. Mehr als 1500 Texte aus den Gattungen Prosa, Lyrik und Drama wurden eingereicht. Eine Jury wählte 21 aus.

"Wir leben da oben in einer Art WG-Wohnzimmer im Kaffeehausstil", beschreibt Barbara Pohle die Arbeitsatmosphäre im Bikinihaus neben dem Studio. Hier finden, mit Blick auf die Gedächtniskirche, verschiedene Workshops und das übrige Festivalprogramm statt. Pohle, selbst Lyrikerin, leitet das Treffen seit vielen Jahren. Noch immer bewege sie, "dass es junge Menschen gibt, die sich dem Wort verschrieben haben". Hier auf dem Treffen entstehe ein ganz besonderer, freier Raum, der jungen Kreativen Raum zur Verortung gibt. "Schreiben ist ja erstmal eine einsame Tätigkeit, und hier treffen sie dann auf Gleichgesinnte", sagt Pohle, "das ist ja schon mal ein ganz aufregendes Moment: Aha! Ich bin nicht alleine."

Junge Menschen begegnen sich, die zuweilen intensiv nach einer eigenen, poetischen Sprache fahnden. Dabei treiben sie innere Konflikte und eine als ungenügend empfundene Umwelt an. "Da ist im alltäglichen Leben die Suche nach den Bildern", sagt Anna-Theresia Bohn, 18 Jahre alt und aus Mainz. "Wenn man ein Bild gefunden hat, das einen berührt, möchte man das auch weitergeben." Längst drehe sich der kreative Prozess nicht mehr um einen alleine. Ginge es beim Schreiben nur um "Selbstfindung", sagt die 19-jährige Yulia Marfutova aus Berlin, "dann wäre das traurig".

In ihrem Text Entschuldigen Sie, ist heute Freitag? reflektiert Marfutova subtil die (Un-)Möglichkeit sedimentierender, alternder Liebe. Allein zu Haus, dröhnt und arbeitet das Hirn. Der Freund ist auf Geschäftsreise, durch die dünne Wand zur nächsten Wohnung "floskelt und schweigt" sich ein alterndes, türkisches Ehepaar an, und beständig klingelt die greise, allein gelassene Nachbarin. "Entschuldigen Sie, ist heute Freitag?", will sie wissen. Da käme immer ihr Sohn. Der Sohn kommt nicht, und auch die Nachbarn haben sich nichts mehr zu sagen. Und dennoch lässt einen der Text seltsam versöhnt zurück. 

Ähnlich sieht’ es aus in Anna-Theresia Bohns Text das meer hat mich gefunden . In poetischer Sprache widersetzt sich eine Protagonistin einer alles verschlingenden Verwaltung. Diese erhält von der Autorin den Namen Edgar. Die Behörde beschreibt sie als das, "was eigentlich unmenschlich ist, was immer da ist, wogegen man immer anspricht, aber was nicht antwortet". Die Erzählerin begegnet diesem Gegenüber mit der Kraft von Bildern: "Du, Edgar, hör zu, ich weiß es jetzt. ich werd Lautmaler", sagt sie. "Meine Engelschöre werden die singen. Ihre goldenen Flügel heben sie hoch, über das Rauschen". Sprache beschreibt Bohn als melodiösen Klang, als ein "nach vorne Drängen auf Wellen"; auf denen sie reite, bis sie "ersaufe".

Die beiden Autorinnen haben eine genaue Vorstellung von Literatur: Sie soll Denkanstösse geben. Anna-Theresia Bohn glaubt an eine Sensibilisierung "für Alltägliches oder überhaupt für Bilder" durch Sprache. Yulia Marfutova befürchtet indes, dass die "Allerwenigsten etwas umsetzten, was sie je gelesen haben", denn "sonst wäre die Welt ja vollkommener".