Nach sieben Filmen ist sie eine der begehrtesten Schauspielerinnen der Welt, mit 22 Jahren schon fast ein Mythos: Isabelle Adjani. Die wandlungsfähige Französin spricht über ihre ungewöhnliche Karriere.

Bisher ging es schnell zu im Leben von Isabelle Adjani. Mit erst 22 Jahren hat sie eine Theaterkarriere hinter sich, steht sie mitten in einer internationalen Filmlaufbahn, und es könnte sein, daß sie dem Punkt sehr nahe ist, da sie etwas anderes wird als nur eine bekannte und begehrte Schauspielerin: eins jener entrückten Wesen, in die eine Epoche ihre Wünsche projizieren kann und die unter den „Stars“ nur sehr äußerlich eingeordnet sind.

Darauf hingearbeitet hat sie, trotz ihres hochentwickelten Ehrgeizes, nicht. „Viele Schauspieler behaupten, daß sie schon immer eine Berufung verspürt haben, ich nicht“, erzählt sie mir und versucht sichtlich, in ihrem Verhältnis zu ihrem Beruf ein Gleichgewicht zwischen Ernst und Spott zu erzielen. „Ich lebe nicht in der Zukunft. In meinen Tagträumen bin ich meist in der Vergangenheit. Daß ich etwas wollte, stelle ich immer erst nachträglich fest. Ich lebe nicht auf etwas zu. Ich gerate in etwas hinein und bemerke dann, daß es genau das Richtige für mich war.“

Das Lokal ist eine Pariser Hotelbar, voll mit Leuten aus der Konfektionsbranche. Drei deutsche Journalisten sind gleichzeitig zum Interview bestellt worden und lösen sich jetzt eifersüchtig ab wie Schüler in einer Prüfung – um dem näherliegenden Vergleich aus dem Weg zu gehen.

Eine PR-Dame seufzt, daß Isabelle Adjani eben schrecklich schwierig sei; 1974 schon hat sie von den französischen Journalisten ja die Zitrone bekommen, den Preis für abweisendes Verhalten. Wie zudringlich, wie lüstern auf Privatklatsch müssen die gewesen sein? Abweisend nämlich gibt sie sich jetzt ganz und gar nicht. Im Gegenteil, sie spricht höchst bereitwillig, als müsse sie, wenn sie sich nun einmal dazu versteht, ihrer Publizität mit Interviews nachzuhelfen, auch etwas bieten.

Soviel fleißiges Entgegenkommen, denkt man, hat sie doch gar nicht mehr nötig. Aber ich muß ihr vorher versprechen, das Tonband wieder zu löschen: „Ich will nicht, daß meine Stimme irgendwo herumliegt.“ Bekannt ist auch ihre Phobie vor Standfotos: „Im Film ist alles in Bewegung. Auf Fotos ist man eingefroren. Als würde das Gesicht vergewaltigt.“ Anscheinend hat sie etwas gegen Fixierungen.

Ich gebe zu, ich war neugierig, und zwar in einer ganz speziellen Hinsicht. Ich hatte sie in ein paar Filmen gesehen. Zuerst in Truffauts Geschichte der Adèle H. : düster, äußerlich streng, verschlossen und nahezu unbewegt, aber im Innern aufgewühlt von einer selbstzerstörerischen Amour fou. In Polanskis Mieter (1976): ein fast sprachloses, etwas linkisches und schlampiges mütterlich-sinnliches Arbeitermädchen, eine der wenigen relativ menschlichen Figuren unter den Lemuren in Polanski Angstwelt. In Téchinés in Deutschland leider nie gezeigtem Barocco , einer hochstilisierten Ballade von politischer Erpressung und Gangstertum, angesiedelt in einem mythisierten, bläulich verhangenen Amsterdam: ein verschrecktes, gehetztes Mädchen, das doch so stark ist, sich den Mörder ihres Geliebten zu dessen Reinkarnation umzuformen.