Hugo Chávez fuhr zu Freunden. Eine Woche nachdem die Venezolaner ihrem Präsidenten zu Hause die Gefolgschaft verweigert und seinen Wunsch nach einer noch größeren Machtfülle abgelehnt hatten, reiste er nach Buenos Aires. In der argentinischen Hauptstadt ist Chávez ein gern gesehener Gast, denn mit seinen Petrodollars half er der Regierung des scheidenden Präsidenten Nestor Kirchner, den seine Ehefrau Christina an diesem Montag ablöste, schon aus mancher Finanzklemme. Den internationalen Finanzmärkten nämlich gilt Argentinien auch fünf Jahre nach dem Staatsbankrott als nicht kreditwürdig - venezolanisches Kapital ist hier hochwillkommen.

Der Besuch am Río de la Plata sollte Chávez außenpolitische Meriten einbringen. Gemeinsam mit Nestor Kirchner und den Staatsoberhäuptern Brasiliens, Boliviens, Ecuadors und Paraguays – Luiz Inácio Lula da Silva, Evo Morales, Rafael Correa und Nicanor Duarte – unterzeichnete Chávez in Argentinien am Sonntag die Gründungsakte der neuen "Bank des Südens" oder "Banco del Sur"; Uruguays Präsident Tabaré Vázquez unterschrieb einen Tag später.

Die Bank gehört zu Chávez’ wichtigsten außenpolitischen Projekten. Schon bald soll sie sich zu einer echten lateinamerikanischen Entwicklungsbank mausern, durch die ihre Mitglieder nicht mehr auf die Geldspritzen der Weltbank angewiesen sein sollen. "Es ist eine Strategie der Unabhängigkeit", pries Chávez sein Projekt und vergaß auch nicht, an die Schlacht von Ayacucho zu erinnern, die auf den Tag genau 173 Jahre vor der Unterzeichnung der Gründungsakte der Bank vielen lateinamerikanischen Staaten die Souveränität einbrachte.

Die "Banco del Sur" ist aus Chávez' Sicht die "Fortsetzung des Unabhängigkeitskampfes" gegenüber den erpresserischen, imperialistischen Finanzorganisationen des Westens, also Weltbank und Weltwährungsfonds – und selbstverständlich gegenüber den USA. Der brasilianische Präsident da Silva, der unter den Unterzeichnerstaaten Chávez' moderaten Gegenpart gibt, vermied hingegen solche Feindbilder. Die Bank stelle einen "entscheidenden Schritt in der Integration Südamerikas" dar, sagte er nur.

Dies sind die Fakten: Erklärtes Hauptziel der Bank, die ihren Hauptsitz in Caracas sowie zwei Filialen in La Paz und Buenos Aires haben soll, ist die "Finanzierung der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung" der südamerikanischen Länder. Zu diesem Zweck steht ihr zunächst ein Eigenkapital von insgesamt 7 Milliarden US-Dollar zur Verfügung, umgerechnet etwa 4,8 Milliarden Euro. Das ist nicht viel. Zeitungsberichten zufolge zahlen davon Venezuela und Brasilien den größten Teil, gefolgt von Argentinien. Jedes Mitgliedsland soll bei Abstimmungen im Verwaltungsrat eine Stimme haben, unabhängig von seiner Größe.

Ist die Bank also eine demokratische, selbst verwaltete Alternative zu Weltbank und Währungsfonds? Eine vielversprechende Möglichkeit, regionale Entwicklung zu fördern, wie der ecuadorianische Ökonom Mauricio Orbe glaubt? Oder vielmehr in der Hand des Populisten Hugo Chávez nur ein gefährliches Mittel, seine Macht in Lateinamerika weiter auszubauen? "Die Absicht ist eine Revolution, für die er eine sehr mächtige Waffe zur Verfügung haben will: alle oder Teile der Devisenreserven der Zentralbank", warnt beispielsweise das venezolanische Onlineportal Analítica.com .